Maike: Jemand sieht zwei Menschen im Gespräch - und realisiert eine unbeschreibliche Schönheit. Dann trifft er auf den Blick eines anderen, der sie ebenfalls sieht und bemerkt – eine zweite, ganz andere Art der Schönheit zeigt sich, die des Schönheit-Erlebens. Wenn dann diese beiden aneinander das Erleben der Schönheit sehen und dem Ausdruck verleihen, entsteht eine nochmals andere, dritte Art der Schönheit - die des Einvernehmens, des miteinander Sprechens, auch ohne Worte.
Gilda: Das sind magische Momente, Gnade-Momente. Diese neue, dritte Schönheit schafft einen neuen Lebensraum.
Bodo: Meinst du, die natürliche Schönheit und ihre Spiegelung im Angesicht derer, die sie sehen, ergänzen einander? Und eine neue entsteht aus dem Einverständnis über beide? Erzählt gerade diese dritte, die des Einvernehmens zwischen Menschen, von zweckfreier Aufmerksamkeit?
Weil: Die ganz reine Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit, die nur Aufmerksamkeit ist, ist eine Gott zugewandte Aufmerksamkeit, weil sie nur in dem Maße und dort gegenwärtig ist, wo Aufmerksamkeit ist. (…) Aufmerksamkeit, die nichts anderes als Aufmerksamkeit ist, ist Gebet. (…) Aufmerksamkeit ist Einvernehmen.
Isabelle: Ist die intentionsfreie und bedingungslose Aufmerksamkeit eine Qualität der göttlichen Liebe?
Bodo: Ich weiß nicht, aber ich weiß, dass solche Erlebnisse nicht folgenlos bleiben, dass sie etwas bewirken, vielleicht die Welt verändern, ganz absichtslos.
Isabelle: Schönheit wahrzunehmen hat Folgen, ohne folgenreich sein zu wollen. Sehen der Schönheit – vor allem die Komplexität dessen, was erscheint in menschlichen Gesichtern – ist in den Körper geprägtes geistiges Dasein. Von allem, was wir erlebt haben, bleiben immer sichtbare Spuren, bleibt vergehende Sichtbarkeit.
Bodo: Sind das besondere Momente ästhetischer Erfahrung? – Die Mannigfaltigkeit der Wahrnehmungen ist überwältigend. Wie viel und was von ihnen in unseren Vorstellungen erscheint, ist recht dürftig dagegen. Aber Wahrnehmungen und mein Bewusstsein von ihnen sind eben nicht dasselbe. Je mehr wir unsere Wahrnehmungen bemerken, je mehr unsere Aufmerksamkeit für sie erwacht, desto reicher wird alles Leben.
Auf den Geschmack kommen
Maike Meyer-Oldenburg, 2022
Es geht um die Art und Weise, etwas wahrzunehmen und sich zu eigen zu machen; es zu beurteilen und daraus etwas zu machen. Versuchsanordnung: Wahl eines kleinen, unbekannten, verpackten Lebensmittels. Mit geschlossenen Augen wird es entpackt, ertastet. Ein delikater Vorgang. Jede(r) entscheidet selbst, wann das ertastete, ungesehene Essbare in den Mund genommen wird. Dann abwarten und aufmerksam spüren, bevor Zunge und Zähne aktiv werden.
Vier Modalitäten oder Orientierungen der Aufmerksamkeit tauchen auf -
1. an der Oberfläche: rasch einschätzen und reflexionslos abgleichen: mögen oder nicht mögen;
2. im Vordergrund: wahrnehmen, differenzieren und unterscheiden verschiedener Aspekte;
3. in der Tiefe: bewusst durchdringen, wie die eigene Konstitution, Gestimmtheit, Befindlichkeit wechselseitig einwirken auf die Urteilsbildung beim Schmecken;
4. im Hintergrund: die Erfahrung entzieht sich dem willentlichen Zugriff. Sie stellt sich ein, wenn die Voraussetzungen geschaffen wurden: eine Art nicht sinnliches Innewerden oder Gewahrwerden dessen, was die Welt durch die Sinne zu sagen hat.
Lassen sich die erfahrenen Geschmacksqualitäten präzise beschreiben und unterscheiden? Welche Reaktionen oder Befindlichkeiten kommen seitens des Wahrnehmenden dem äußeren Stoff entgegen? Wodurch bildet sich ein Urteil? Was spricht sich aus durch den Geschmack und wie zuträglich erscheint dies dem eigenen Organismus in der augenblicklichen Situation?
Zu den vier Modalitäten
1. Art und Weise, unwillkürlich zu reagieren
2. Art und Weise, etwas wahrzunehmen
3. Art und Weise, etwas zu begreifen
4. Art und Weise, Ausdruck zu verleihen
Ich bin es, der etwas entgegenkommt, die es betrachtet, die es begreift, und ich bin es, die Welt zur Sprache bringen kann. Wo ist der Unterschied zwischen Sinneserfahrung und Denkerfahrung? Sinnes-Erleben – das Narrativ der Welt. Bewusstseins-Erleben – das Narrativ des Selbst. Gibt es ein drittes, ein Dazwischen? Das Ich verbindet Bewusstseins- und Welt-Erleben. Das Ich steht allein im Brennpunkt beider: des Besonderen und des Allgemeinen. Niemand verbindet das Besondere und das Allgemeine so wie Ich. Die Gleichheit aller Iche besteht darin, nicht gleich zu sein. Sehen, Schmecken, Riechen, Hören, Tasten der Schönheit sind sinnlich und gedanklich singulär. Die Art und Weise ist immer einmalig.
Orpheus’ Weise:
‹Und seine Sinne waren wie entzweit: indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief, umkehrte, kam und immer wieder weit und wartend an der nächsten Wendung stand, – blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück.›
Hermes’ Weise:
‹Die Reisehaube über hellen Augen,
den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe
und flügelschlagend an den Fußgelenken;
und seiner linken Hand gegeben: sie.›
Eurydikes Weise:
‹Sie aber ging an jenes Gottes Hand,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld:›
Unsere Weise:
Einen vagen, aber präzisen Gegenstand berühren – ohne Ungeduld, sanft und unsicher. Und etwas beginnt. Langsam und sicher. Unsicher, sanft und ohne Ungeduld ist jede ästhetische Erfahrung.
Dorothea: Der Vergangenheit lauschen – die Zukunft schauen.
Isabelle: Der Intuition folgen heißt, sich nicht umwenden.
Maike: Kommt darauf an als wer, als Eurydike oder als Orpheus?
Bodo: Wie vergewissere ich mich dessen, was vor mir liegt, ohne mich umzudrehen? Das In-der-Welt-Sein ist unverfügbar und wird erst durch die Verbindung zu Anderem erträglich; durch Fremdheit und durch Verbindung ereignet sich Berührung mit der Welt.
Novalis: Berührung ist Verbindung und Trennung zugleich.
Dorothea: Orpheus-Eurydike-Hermes sind im Kind noch eine Einheit. Im wunderlichen Bergwerk der Seelen aus den drei Perspektiven schauen und leben lernen, wäre nicht nur erwachsen, sondern recht weise. Wer sind unsere Meister?
Unsere Meister
Isabelle Sourinho, 2023
Wer sind unsere Meister?
Die Kraniche halten Takt und Überblick.
Der Reiher, Denkmal der Geduld,
Lehrer in Vor- und Durchsicht.
Der Perlentaucher, braunschwarzes Fiederwerk
glänzt wie der Spiegel des dunklen Bösewichts.
Das Auge im Schnabel
wo ist sein Gesicht?
Die Krähen bringen das Jenseits näher. Bist Du bereit für die Himmelspflege?
Der Vogel der Fülle begleitet uns
zum Fuß des Berges,
wo die Einhörner wohnen.
Im reinen Tal gibt es nur eine Macht.
Magie bevorzugt Empathie
vor Hierarchie.
Da sind die kleinen weißen Löwen.
Auf ihren souveränen Rücken
düsen wir durch Wald und Wiesen,
über Felsenbrücken
bis zur Höhle des Drachens.
Munter hellwach auf den alten Gleisen,
Urbegleiter auf der Dunkelreise,
sanftmütig und weltenreich
der Blick, warm, bis ins Genick.
Die Krallen weich.
Drachenblut Medizin
macht Mut.
Milchiges Grau, leichter Niesel. Die Brandmauer des Hauses gegenüber still wie eine Leinwand in der Morgenluft – ohne Erwartung.
Maike: Welche Verfassung von uns Heutigen braucht unsere Zeit? Schweben! Menschliche Mitte, denn Gleichgewichtszustände werden immer dringlicher.
Dorothea: Der heutige Mensch ist in jedem Fall zuständig.
Isabelle: Die Kraft des Zuhörens zu entdecken, könnte die Tür zum Sprechenlernen und zum miteinander Sprechen öffnen.
Bodo: Es braucht Bejahung der Andersartigkeit, des Verschiedenseins. Eine ästhetische Dimension führt über Gegensätze hinaus. Das beginnt im Bewusstsein – und endet dort nicht.
Isabelle: Ästhetik ist Bewusstsein, das über sich selbst hinauswächst, ohne sich zu verlieren.
Dorothea: Was und wie wer gerade von wem lernt, zählt.
Glissant: Ich verändere mich in dem Austausch mit dem anderen, ohne mich zu verlieren oder zu verfälschen.
Maike: Und es braucht Bojen für die Ungeborenen und für die Verstorbenen.
Isabelle: Jeder Atemzug ist ein Puzzleteil des kosmischen Windes, jedes Gähnen eine Decke, jede Sehnsucht ein Bruchteil des unendlichen Himmelsbettes.
Gilda: Ich glaube, ich sehne mich nach einem Vollzug und Zusammenkommen von Erkennen und Leben, wo sich geistige Wesen berühren, in ihrem physischen Sein, wo sich Potenzen berühren, ohne ‹gebunden› zu werden, wo Berührung geschieht in wirklichen Wesen.
Frühling
Isabelle Sourinho, 2025
Der Klang des Kleibers hat mich erweckt und eine Traumlandschaft erscheint vor meinem inneren Auge. Ich schaue zum Baum hinauf, wie gerade beim Kleiber, und sehe einen Buntspecht, und – noch einen, dann noch einen und wieder einen, bis zu fünf, an die ich mich erinnern kann. Eine Buntspecht Klangtreppe zur hellblauen Himmelsdecke. Ihr Charakter – offen und wachsam für die neuen Frühlingsimpulse.
Dorothea: Was werden wir gewollt haben? Ein Gespräch? Einen Text? Ein Buch? Futur II muss man spüren: Die Welt lohnt sich. Das muss ich spüren, beim ersten Griff.
Gilda: Ist das eine Perspektive, bei der ich von der anderen Seite aus schaue? Vom Bewusstsein, das jenseits der Schwelle sieht?
Philipp: Ein Liederbuch der Bewusstseinsseele? Bergwerk der Seele. Leitern bauen für andere – Raketenwissenschaft? Etwas bauen, was genügend Dynamik hat, was einen Orbit erreicht – einen Ort im Umkreis der Erde. Nicht abheben – doch ankommen in der Schwebe.
Maike: Wer spricht, wenn jemand spricht?
Bodo: Wenn Ich spricht, spricht jemand. Da werden Orte gewesen sein, an denen Welt sichtbar wurde, da sind Intuition und Wahrnehmung gleichen Ursprungs, da wird eine Sprache von jetzt gewesen sein – schwebend genau.
Gilda: Ein Würde-Raum für die menschliche Seele.
Bodo: Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird. Bevor etwas ist, ist es nicht das, was es sein wird.
Gott weiß nicht
Philipp Tok, 2017
Gott weiß nicht, wohin die Reise geht. Er brennt vor Neugier – das ist seine Wärme.
Die Wärme weiß um sein Geheimnis, seinen Wunsch, alles zu trüben. Im Aufklaren erkennt er sich selbst. Im Abdunkeln wächst sie über ihn hinaus. Sie ist offen für das Chaos, aus dem er hervorgeht.
Das Neue hat kein Dasein, es ist in der beschreibbaren Welt nicht zu finden. Der Ursprung der Welt verharrt, kann nicht in die Zeit, betritt nie das Gewesene. Was in der Zeit vom Ursprung auftaucht, ordnet sie neu und vergisst sich. Wo immer ich ihn betrete, ist alles Sinn, bin ich im Anfang.
Gott weiß nicht, wohin die Reise geht. Er brennt vor Neugier – das ist seine Menschheit.
Nächtliches Ankommen. Menschen im Dunkel suchen am Himmel die flüchtigen Lichtspuren fallender Sterne. Atelierbesuche in Österreich.
Maike: Ein Bilderzyklus hat mich auf dem Weg hierher in seinen Bann gezogen. Acht Fresken, die ein unbekannter Malermönch auf beiden Seitenwänden einer Kirche schuf. Vor mehr als tausend Jahren gemalt. Dann übertüncht, vergessen, wiederentdeckt, zum Weltkulturerbe erklärt und seither geschützt. Knapp 30 Minuten werden jenen gewährt, die ihren Besuch frühzeitig anmelden. Genug Zeit, um alle Kleider der Kenntnis abzustreifen und sich der Präsenz der Fresken auszusetzen, die vielleicht gerade durch ihre schwindende Sichtbarkeit an Wirkung gewinnen.
Religion, Kunst und Zeit
Maike Meyer-Oldenburg, 2023 / 2026
Warum ist Anschauung mitunter so unmittelbar verbunden mit einem Empfinden ‹das geht Dich an›? Woher rührt das Erleben, dass ein Vorhang aufgeht und die Seele übergeht, noch vor Beginn der Handlung?
Kurz bevor sich mir – angesichts der Fresken – diese Fragen aufdrängten, stand ich wartend vor der Kirche und beobachtete das sommerliche Getriebe. Fraglos ist die Welt außerhalb der Kirche Sankt Georg in Oberzell auf der Insel Reichenau im Bodensee eine gänzlich andere als die des zehnten Jahrhunderts. Damals, in Ottonischer Zeit, war das Kloster auf der kleinen Insel geistig-kulturelles Zentrum Europas. Hier wurden in der Schule für Buchmalerei berühmte Codices hergestellt, die heute in großen Bibliotheken der Welt stehen. Hier wurde ein Plan für die ideale Klosteranlage entworfen, der über Jahrhunderte Gültigkeit behalten sollte und gleichzeitig war das Kloster der Ort weitreichender politischer Entscheidungen.
Jetzt, im Inneren der Kirche, umfängt mich ein Anderes. Zeitlose Ruhe. Die Mauern duften nach Geduld, als ob es kein Morgen gäbe – nach Innehalten und Standhalten. Durch die Fenster im Obergaden fällt gedämpft Licht. Ein Mäanderfries fängt meinen Blick ein und leitet ihn entlang der Bilder, trägt diese und meine Anschauung langsam der Apsis entgegen, wechselt auf der gegenüberliegenden Seite die Richtung und bringt mich als eine andere zum Ausgang zurück. Da ist Ordnung, die nichts Zwingendes hat, weder regelt noch herrscht. Im eigentlichen Sinne ein Kosmos, doch übersteigt dieses Wort bei weitem die Innigkeit der Erfahrung. Sie gleicht eher einem Hör-Erlebnis; ist leise und gänzlich unprätentiös. Trotz der dramatischen Geschehnisse, die dargestellt werden. Not, Krankheit, Bedrängnis und Tod des Menschen, die von Einem gewendet, geheilt, erlöst und überwunden werden. Um das Leben des Einen selbst ist es dem Maler nicht zu tun. Es offenbart sich in seinen Wirkungen – in den Wohltaten, die Er am Menschen vollbringt. Auf der Nordseite zeigen vier Fresken sein vierfaches Wirken, durch das der Mensch schrittweise zu sich selbst geführt wird. Beginnend im ersten Bild mit der Unfähigkeit, den eigenen Leib zu ergreifen und im zweiten der Sucht oder der ausufernden Lebenskräfte Herr zu werden. Gefolgt vom Unvermögen, sich der eigenen Furcht und Seelenangst zu bemächtigen und endend mit der Darstellung des Blindgeborenen, der die Frage nach Erbschuld und Karma aufwirft. Wie ein Geburtshelfer überwindet der Christus Hindernisse, die der vollständigen Verkörperung des ganzen Menschen im Wege stehen. In derselben Reihenfolge und wechselseitiger Bezugnahme zu den gegenüberliegenden Bildern, sind die vier Auferweckungstaten auf der Südseite dergestalt, dass sie eine verfrühte Exkarnation verhindern, aufheben und gar rückgängig machen. Den abschließenden Höhepunkt bildet die Auferweckung des Lazarus. Wie eine Mumie steht dieser – von Ihm ins Leben zurückgerufen – vor dem Grab, in Leichentücher gebunden und mit einem Schweißtuch vor dem Antlitz. Die Umstehenden halten sich die Nase zu und machen sinnlich deutlich, wie weit der Verwesungsprozess fortgeschritten ist. Im Evangelientext heißt es: ‹Löst die Binden und lasst ihn gehen.› Mit diesen bildgewordenen Worten tritt der Besucher wieder hinaus ins gegenwärtige Leben.
Während des Betrachtens veränderten sich meine Fragen. Dem Erstaunen, woher die unmittelbare Wirkung der Fresken rührt, folgte die Empfindung, dass sich durch mein Anschauen ein weiterer Bildraum auftat. Unerwartet trat etwas in Erscheinung, das – schwer zu fassen – sich weder meiner Verfasstheit noch dem Berührtsein verdankte. Ebenso wenig beruhte es auf der Lektüre kunsthistorischer oder religiöser Erörterungen. Diese Erfahrung bedurfte all dessen und gleichzeitig nichts davon. Möglicherweise hing es mit den vielen Fehlstellen und stark verblassten Farben zusammen, dass sich die Anschauung intensivierte. Es schien mir, als realisierte ich, vor allem im Übergang von einem Bild zum nächsten und mehr noch durch die Bezüge der gegenüberliegenden Bilder zueinander, etwas von dem Vorhaben des Malers, das der Zeit enthoben war? Mit seiner Komposition stellte er tiefe Fragen nach Leben, Schicksal, Schuld und Sterben des Menschen. Und er stellte denjenigen dar, der die Grenzen des Menschseins kennt und überschreitet. Hat der Künstler – analog zum Klosterplan – hier im Innern die Veranlagung eines werdenden Menschen ins Bild gebracht? Ein Bild des Menschen, das, übertüncht, vergessen, wiederentdeckt, vor allem realisiert werden will? So wäre Sankt Georg noch heute zentraler Ort weitreichender Entscheidungen, kulturell wie politisch? Work in progress?
Gilda: Wie unterscheiden sich ästhetische und religiöse Erfahrung? Und wie ist das mit Gott? Wie mit der Kunst? Ist mein Kunst-Suchen eigentlich die Suche nach meinem Menschen, wo ich mich frei bewegen kann in mir, in den Substanzen, Materialien, Geistigkeiten und Wesen, mit denen ich wissenschaftlich umgehe? Und wie darin den Lebensfreudeschaffensstrom, den Zufall, das Mitgestaltende einbeziehen? Sind ästhetische Erfahrung und Praxis die ‹Methode› einer Lebenswissenschaft? Ein Schaffen aus ästhetischer Intuition würde eine ertötende Verwissenschaftlichung verhindern, weil solche Schöpfungen aus Wahrheit sprächen, die sich in jedem einzelnen Werk ‹Mensch› zur Erscheinung bringt?
Isabelle: Ein Teil meiner Kunsterfahrung besteht unter anderem darin, dem Göttlichen in mir zu begegnen – mir bewusst zu werden, dass ich in diesem Moment durch Gottes Augen schaue. Diese Art der Begegnung hängt nicht von der Kunst ab. Sport, Meditation, Krankheit und Sterben bergen alle ein ähnliches Potenzial. Körperlicher und emotionaler Schmerz sowie die Kehrseite der Medaille – die Freude – können zu einer ekstatischen Form der Begegnung führen. Für diese Erfahrung des Göttlichen ist ein Körper notwendig. Grenzt die ästhetische Erfahrung sich gegenüber der ekstatischen ab? Oder ist sie eine Erweiterung?
Gilda: Der Körper ist meine Intuitionsheimat.
Der Körper als Intuitionsheimat
Bodo von Plato, 2026
Der Körper ist dunkel. Alles, was in ihm passiert, ist unsichtbar. Von außen ist er sichtbar und als menschlicher Leib jeweils so vielgestaltig, so einmalig und reich und voller Sprache wie nichts sonst auf der Welt. Innen aber ist er ganz dunkel. Nacht des Innen. Alles, was ist, wird erst durch den Körper und in ihm bemerkbar. Ohne ihn und sein großes Dunkel ist für mich nichts. Solange ich lebe, ist ohne ihn einfach nichts. Seit ich auf die Welt kam, lebe ich in und aus dem Dunkel. Der Körper lebt in einer Nähe zur Welt, die älter ist als ich. Ich komme aus ihrer Wärme und mit mir alles, was ist.
Mitten in dieser dunklen Wärme in mir ist es hell. Sonne, Tag des Innen. Bewusstsein. Aus dem Dunkel taucht das Bewusstsein auf und in ihm alles, was ich bemerke. Auch ich selbst begegne mir in meinem Bewusstsein. Alles, was nicht im Bewusstsein auftaucht, ist nicht. Alles, was auftaucht, macht, dass ich bemerke, ahne, fühle, spüre, träume, vermute, erfahre, weiß, erkenne, begreife, deute, verstehe, ersehne, erwäge, wünsche, will, mag, liebe, verabscheue, fürchte, erinnere… macht, dass ich innewerde.
Innewerden in der Anschauung. Alles, was hell wird, was im Bewusstsein auftaucht, taucht auf durch die Intuition. Sie scheint das Tor für alles, was auftaucht, sie ist nicht selbst etwas, sie macht, dass etwas erscheint, sie ist unmittelbar. Unmittelbarkeit im Bewusstsein. Die Intuition lebt in einer Nähe zur Welt, die älter ist als der Körper. Sie ist ihrer Art nach wie Ich und lebt nicht in der Trennung von Körper und Bewusstsein, aber in ihnen unmittelbar.
Solange ich innewerde und anschaue, ist der Körper die Heimat der Intuition und sie die meine in ihm. Darum spricht er diese reiche und je eigene und vielgestaltige menschliche Sprache.
Ton der Stille
Christina Ebersbach, 1996 / 2026
Ich lasse mich auf ein Dunkles ein, lasse das Dunkle an mich herankommen. In ihm ist das, was ich sagen will. Einmal war es so: Vor meinem inneren Auge taucht die Stimmung eines Erlebnisses auf. Ich sehe ihn am Dirigierpult stehen, die Hände mit dem Taktstock vor sich, die Augen geschlossen. Er knüpft an die Stille an, um aus ihr die Bewegung zu empfangen und zum Ton fortzuschreiten. Unsere Augen sind auf ihn gerichtet, wir sehen ihn, gehen alle mit ihm. Er eröffnet in der Stille den Hörraum. Das Hören, unsere ganze lauschende Aufmerksamkeit ist da, schon vor dem ersten Ton. Hier beginnt das Konzert aus der Stille heraus, bevor noch ein Ton erklingt. In diesem Moment habe ich nichts von mir draußen, außerhalb dieses Vorgangs gelassen, alles war darin, ich und ich und ich – ganz in dieser Eröffnung. Eine Sammlung und eine Öffnung. Nicht getrennt, nicht bewusstlos. Ja.
Das goldene Dunkel
Philipp Tok, 2023
Was Sie taten, bevor Sie diesen Text zu lesen begannen, weiß ich nicht. Doch da Sie diesen Text nun lesen, kann ich gefahrlos annehmen, Sie sind wach. Sie sind vor einer Weile aufgewacht. Doch davor, als Sie schliefen, waren Sie eine Weile nicht. Nicht bewusst. Oder besser: Sie waren eine Lücke in ihrem Bewusstsein.
Mit ‹Heute› bezeichne ich die Spanne zwischen Aufwachen und Einschlafen. In einer durchwachten Nacht oder nach einem zu tiefen Nickerchen kommt die Bindung an den Kalendertag leicht ins Schleudern. Das ‹Heute› ist mein ununterbrochenes Wachsein. Und das Wachbleiben ist mein Sieg über den drohenden Schlaf. Der Sieg des Selbstbewusstseins, meiner personalen Freiheit, über die Allmacht Schlaf. So ist das Einschlafen die Niederlage des souveränen Menschen. Einschlafen heißt abgeben, aufgeben, sich den Göttern anvertrauen. Egal, ob Eremit oder Soldatin, ob Windelkind oder Präsidentin: Es geht um den Verlust aller äußeren Macht und jener über sich selbst. – Und verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich liebe Schlaf. Diesen unverfügbaren Wohltuer, Heiler, dieses goldene Dunkel!
Verlassen Sie mit mir das ‹Heute›, und schauen wir uns selbst als Schlafende an, hier wissen Sie wahrscheinlich genauso wenig über sich wie ich über Sie. Der Schlafende hat sein Selbst aufgegeben, die Erinnerungsfähigkeit inklusive. Was auch immer in dieser Zeit geschieht, es entzieht sich der wachen Welt – unserem Wissen. Zum Schlafen verschließen wir die Sinne. Den Schlaf fassen wir nicht mit den Sinnen auf. Das Wissen braucht hier eine andere Natur. Vielleicht ein Wissen in unhörbaren Tönen, feineren Bewegungen oder einfach nur reineren Begriffen, die sich an sich selbst wecken, anstatt an Sinneseindrücken? Es drängt mich zu fragen: Was ist denn dieses ‹andere Heute›? Jene Spanne zwischen Einschlafen und Aufwachen? Wie heißt dieser Ort? Warum haben wir dafür keinen gewöhnlichen Namen, nur ‹Schlaf›? Wer oder was sind wir hier? Ausgelöschtes Bewusstsein? Von den kosmischen Gewalten heruntergedämpfte Bewusstseinsfunken, um nicht zu verglühen im Angesicht der ungeteilten Welt? Oder eher ein Gluttropfen im Urweltfeuer? Ausgedehnt ins Gleichgewicht der Welten, um Schicksal zu bereiten? Bleiben wir bei dem ‹anderen Heute›. Versuchen wir doch, dieses andere zunächst als Gegenteil zu denken: Eine Spanne zwischen Einschlafen und Aufwachen. Und so wie ‹heute›, die aktuelle Spanne des Bewusstseins, ein ausgedehntes ‹Jetzt› beschreibt, ist der Schlaf dann genau die andere Seite der Zeit, nicht zwischen jetzt und jetzt, sondern drumherum um heute und heute. Weniger eine Gliederung von Zeit, mehr eine Urzeit, eine Ewigkeit, die die Zeit in sich trägt. Ein Ort, an dem die fernsten Zeiten zugleich sind. Zum Wachen erschöpfen wir unsere Kräfte; wir verbrauchen den Leib. Wäre der Schlaf somit Produzent von Kraft, Hervorbringer des Leibes? Ist das ‹andere Heute› also die Leibbilde-Werkstatt? – Lassen Sie mich eine flinke Betrachtung des menschlichen Skeletts einflechten.
Wir Menschen sind zweiseitige Bewusstseinswesen. Wir bilden einen Schädel, eine Kugel. Die ist in eine Richtung durchlöchert, wie verwundet, mit Höhlungen und Ausbeulungen – und zur anderen Seite ist sie ganz geschlossen und oft noch überwuchert mit Haar. Mit den oft schönen, offenen Wunden fassen wir wunderliche Vielfalt, Geteiltes, Zerrissenes auf; Sinneseindrücke. Schon Hören und Sehen sind Geschiedenes, sind Verschiedenes. In den Sinnen zerfällt die Welt. Ihre Einheit erfasse ich mit der eingeschlossenen, unverletzten Seite meines Kopfes. Nicht nur die Einheit eines in den Sinnen zerfallenden Wesens, auch die Einheit der Welt. So wie wir Eindrücke von Stimme, Gang und Geruch in einem Menschen vereinen, so auch die unfassbare Vielheit als ‹die eine Welt›. Doch die Sinne zerteilen und sondern nicht nur die Wesen, allem voran trennen sie uns selbst von der Welt. Ja, es ist das Bewusstsein dieser Kopfgestalt, die ganz in sich sie selbst sein will und nur durch verfeinerten Schmerz die Welt zerteilt, erfährt und im Neu-Zusammenfügen daran erwacht. Gleiten wir am Hals hinab, zeigt sich eine andere Gestaltung. Im Vergleich zum Schädel ist der Brustkorb in alle Richtungen geschlossen und offen zugleich. Die Vielheit der Rippen macht es möglich. Sie verteidigen das Selbst, das Eingeschlossene, durchlässig zur Welt. Zwischen Angst und Sehnsucht, zwischen Hass und Liebe entfaltet sich hier ein verbindliches Spiel. Weniger als ein Getrenntes oder als ein Beobachtendes, mehr als ein Verbundenes, Betroffenes, Teilnehmendes erfährt sich der Mensch in seiner Mitte, als Fühlender, als Träumender. Von hier aus in alle Richtungen weiter beschränkt sich das Knochige auf ein Minimum. Wird zur Innenseite, umfasst keine Organe, kein Innen mehr. Selbst das Schalengebilde des Beckens formt keinen geschlossenen Innenraum, mehr eine allseitige, öffnende Geste zur Welt. Und neben der Einheit des Schädelknochens erscheint die Hand mit ihren 27 fast losen Knöchelchen wie ein Bild der völligen Zergliederung, in alle Richtungen zugleich wollend. Vom Menschen ergriffen erscheint die Hand geschlossen, greifend, tragend; formend bildet sie Einheiten wie das Hinterhaupt. In den Gliedmaßen sind wir vollends hingegeben an die Außenwelt. Und wach lässt sich nicht erleben, was hier in Verdauungsprozessen, im Tragen und Lasten, im Formen und Tanzen, im Zeugen und Gebären vor sich geht. Auch hier sprechen wir von Schlaf. Die Knochen dienen mir zum Bilden folgender Sätze: Der Wachende denkt dank der Trennung von Selbst und Welt. Der Träumende fühlt in der Verbindung von Selbst und Welt. Der Schlafende will, indem er selbst zu Welt wird.
Es ist seltsam, so in die eigene Festigkeit zu staunen. Oder? Was gewinnen wir für unsere Spekulation? Mehr Fragen: Wenn das Wache aus dem Getrennten wächst, wächst dann der Schlaf aus der Übereinstimmung? Ist dann im Schlaf alles das, was im Wachen von mir getrennt erscheint, in mir enthalten? Alle Menschen ein Teil von mir? Alle Bäche, Flüsse, Meere in mir enthalten? Der Tierkreis in mir? Die Hoheitlichen in mir? Mein Schicksal nur als Teil von allen Schicksalen – als Weltenschicksal in mir? Wie anders mögen hier Urteile fallen? Welcher Art sind die Ideen dieser Anderwelt, dieser Anderzeit? Im Schlaf schließe ich die Augen. Sie auch? Ich bin nicht länger empfänglich für Geräusch und Geruch. Ich verliere das Interesse an äußerem Genuss und äußerer Tätigkeit. Ich ähnle dem Denkenden, tauche warm unter, in die Welt. – So werde ich im Schlaf zum Weltenschädel oder schöner: Kosmos? Und anstelle meines Sinneslichtes tritt ein Innenlicht, welches nicht die Außenseite erhellt, sondern vielmehr alles von innen leuchten lässt? So wie jeder wohlgefasste Begriff. – Ist Schlafen das große Denken und unser waches Denken die kleine Schwester? Wir kommen zum Ende. So viel ich den Moment des Einschlafens hinauszögern kann, so wenig kann ich mir den Akt des Erwachens aneignen. Wie geht es Ihnen damit? Ich bin gespannt, wie Sie heute Nacht schlafen!
In der Höhle
Gilda Bartel, 2025
Hinter den Schichten unserer Worte und Bilder gibt es ein Leben, das im Verborgenen liegt. Manchmal fühle ich sein Wühlen flau. Es erscheint auch in Augenpaaren, die noch von nichts sprechen können. Oder es drückt sich in unsere Ahnungen hinein, unscheinbar und leise, wie eine dunkle Kraft, samtig, zeitlos. Dieses Leben ist unvorhersehbar und unsichtbar. Man muss sich ihm anvertrauen können. Erinnerst Du Dich an das tiefe Schwarz der Winterquitte auf Deinem Küchentisch, die sich der Erde entgegen sehnte, in den dunklen Stoff zurück? Es ist ein Schwarz, das sich dem Werden übergibt, ganz anders als das des Skarabäus. Es erzeugt keinen Glanz, aber eine Sehnsucht nach Verbundensein. Als wir begannen, über Magie zu sprechen, verloren wir sie für Jahrtausende.
Ein riesiger Felsüberhang, mindestens 30 Meter hoch. Eine Menschengruppe davor. Jeder trägt einen Lampenkasten, dessen rotes Metall abgegriffen ist. Das Klicken des Schalters klingt nach Kindheit. Langsam gehen wir zur Schleuse, wie Kinder, die etwas Unerwartbares erwarten. Staunen ist die schöne Tochter der Dunkelheit. Dann saugt die Erde uns ein. Im schmalen Geburtskanal, dessen Zugang von einer Eisentür fest verschlossen bleiben muss, verliert sich allmählich der Geruch der Welt. Wir sind das einzige Leben, das die Schranke ins Innere passieren darf. Früher waren es Fackelträger in Fellschuhen, mit Lederriemen und Steinmessern, die durch Felsbrüche gekrochen kamen. Viele oder wenige? Selten oder oft? Man weiß es nicht. Wir betreten den Schädel der Erde, den Mutterleib, wie manche es empfinden, und unser Schweigen beginnt. Schweigen ist auch ein großes Dunkel. Innere Landschaften schlafen hier ungesehen schon seit so langer Zeit, dass der Verstand an die Ewigkeit stößt. Berge sind nicht aufgefüllte Sandhaufen, Steinhalden oder Sedimentbänder, dicht an dicht. Sie haben Herzkammern, in denen der erste Schlag eines Lebens begann. Es ist intim, sie zu durchschreiten: Ursprünglichste Intimität, ganz wenig nur berührt. Und nun unsere Augen auf der Innenseite der Haut, scheu und etwas beschämt, ob dieser Nacktheit. Wir laufen in einem abgesteckten Bereich von etwa zwei Metern Breite. Rechts und links davon ist es weit. Es gibt kein Leben hier, sagt die Führerin, nicht einmal Wasser. Die Organik der Formen verweist auf das Gegenteil. Pfade, Hügel, Täler, Mulden, ferne Höhenzüge, geschaffen von den Antlitzen der Zeit. Ich erkenne ein Gebildetsein, dessen Selbst sich im Finstern verbirgt. Trotz der konstanten zehn Grad ist diese Dunkelheit warm. Sie hat keine Farbe, sondern ist wie eine Substanz, die uns aufnimmt. Sie drängt, mich für einen Moment zurückfallen zu lassen, um ein wenig mehr noch an den Saum des Unsichtbaren herantreten zu können. Aber die Führerin mahnt, zusammen zu bleiben. Menschenknochen wurden hier nie gefunden. Im gedämpften Schein der Lampen taucht ein Felsblock auf. Fünf mal fünf Meter groß, irgendwann von der Decke gebrochen. Er wirkt wie ein gestrandetes Schiff in einer kosmischen Einöde. Wie weit sind wir schon gelaufen? Seit wann sind wir hier? Diese Skalen gehören der Außenwelt an. 600 Meter, wird informiert. Unser ‹Aha› ist bloß eine Tatsache, die kein Relationsempfinden ausdrückt. Irgendwann passieren wir einen ‹Checkpoint›, dem mit ockerroten und schwarzen Symbolen ein Sinn eingeschrieben wurde. Aber den verstehen wir nicht. Er markiert eine Art Eintritt. Wir müssen nun rechts eine Sanddüne hinauf. Ihre Textur ist wie gegossen. Sie wird auf dem Weg zurück jemanden zu Fall bringen. Dann erreichen wir den Salon Noir. Fast einen Kilometer vom Eingang entfernt schalten wir alle Lampen für einige Sekunden aus. Niemand spricht, wie von selbst. Stille, physisch fühlbare Stille. Wir sind von der Finsternis berührt, aber nicht verschlungen. Diese Dunkelheit hat keinen Abgrund. Sie ist bedingungslos wie eine Mutter. Sie weiss, sie ist nicht Nichts, und ist deshalb für uns da. Und ich weiss es auch. Sie ist wie die Innenseite des Lichts, der Innenraum sogar, in dem alles lebt, was noch nicht in ein Bild, einen Klang, einen Gedanken, ein lichtes Leben gebracht wurde. Die Fackelträger waren hier, um ihr ein erstes solches zu entlocken. Nach fünf Sekunden richtet unsere Führerin eine Speziallampe auf die Felswand. Licht an! Und da erscheinen sie, leise, sanft und zart. Kommen aus dem dunklen Kosmos, hervorgebracht in einem Augenblick vor 16.000 Jahren. Ihre Schönheit ist atemberaubend. Die Schablonen meines Sehens weichen auf. Eine Unschuld wird freigelegt, wie ein erstes Sehen selbst. Die Präzision ihrer Linien ist so weich wie ein echtes Gefühl und genau so sicher. Bisons, Pferde, Steinböcke in schwarzer Kohle auf braungrauem Fels. Manchmal eine Spur weiss in ihnen, auch das Ockerrot wieder. Nebeneinander, ineinander. Als Bildwerke sind sie reine Erscheinung, frei von Anspruch, naiv in ihrer Absichtslosigkeit, aber doch von einer Sehnsucht durchtränkt. Sie sind Herbeigerufene, gerufen von einem Verlangen. Wir gehen in die Mitte dieses Gewölbes, dessen Höhe ich nicht abschätzen kann. Noch einmal wird das Licht ausgemacht. Dann gibt es einen Ton, ein klares A. Acht Sekunden hallt es zwischen uns wider. Ein paar zaghafte Stimmen wagen sich dazu. Ein Tönen wie Sandkristall, warm und klar. Wegen dieses Echos sind die Höhlenmalereien hier, im schwarzen Gewölbe, und nicht entlang der 1.000 Meter zuvor. Das Licht der Fackelträger vermochte diese Höhe nicht zu erhellen, unseres schon. Es sind mindestens 50 Meter. Wie klang es wohl in ihren Ohren? Was empfanden sie? Haben sie gesungen, während sie malten? Haben sie getanzt, um dieses neue Leben zu gebären? Fast überall auf der Welt gehen Rituale mit Musik Hand in Hand. Vielleicht waren es auch Cro Magnon Jugendliche, die erste Graffiti-Aktionen feierten. Sie haben die Tiere ihrer Welt gemalt, aber nicht sich selbst. In manchen Höhlen, wie in Chauvet, kann man auch Handabdrücke sehen. Als alle Lampen wieder glimmen, nehme ich unsere Schatten an den Wänden wahr. Fünfzehn Umrisse überlagern oder entfernen sich im Rund des Salon Noir. In diesem Dämmer entsprach die Selbstwahrnehmung also meinem Schattenriss am Fels. Die erste Leinwand des Menschen war eine schwarze Fläche, bewegt und durchzuckt vom flackernden Licht der Fackeln. Naheliegend, dass sie tanzten, zumindest an den Wänden. Die Atmosphäre dessen, was sich hier ereignet haben mag, wird ganz kurz lebendig. Feuerschein, Trommeln, einige Menschen, die eine Begegnung beschwören und hervorrufen, aus dem Dunkel ihres Seins in die Dunkelheit dieses Schädels hinein. Ich sehe keine ekstatischen Bilder, spüre aber eine tastende, zaghaft fragende, auch neugierige Lust aufsteigen nach einer Berührung, absichtslos und unschuldig. Diese Sehnsucht reicht vom Kopf, über die Seele bis in den Körper hinein. Etwas im Fleisch möchte vom Licht des Bewusstseins ertastet werden, um ein Bild zu zeugen meines menschlichen Seins. Ich bin dieser Zeugungsort. In mir berühren und vereinen sich zwei Sphären. Damals und heute auch. Fünfundzwanzig Minuten später müssen wir wieder los. Die Bilder brauchen eine Pause von unserem Ein- und Ausatmen. Das wurde gemessen und streng geregelt. Zu wenig Zeit, um die Jahrtausende zu überbrücken. Zu schnell versinkt die leibhaftige Schönheit dieser Bilder wieder im Dunkel. Wir machen uns auf den Weg zurück ins Licht. Immer noch spricht niemand. Immer wieder drehen wir uns um, schauen in die Schwärze, die unendlich wirkt. Die bergende Substanz gibt uns wieder frei. Fast stößt sie uns aus, aber langsam. Etwa 200 Meter vor der Eisentür bemerken wir erst, dass wir in den letzten eineinhalb Stunden nichts gerochen haben. Und das Schweigen hält noch lange an.
Zu dritt sprechen wir miteinander von einer Dringlichkeit des Ungewöhnlichen. Sie zu empfinden wird ein Tor zu ästhetischer Erfahrung.
Etwa so: Etwas, was ich erlebe, hinterlässt ein unangenehmes, ein negatives Gefühl. Was auch immer es ist. Gravierend oder unbedeutend, menschlich, sachlich oder situativ. Täglich kommt es vor. Gewöhnlich empfinde ich ein negatives Gefühl nicht als selbstgemacht. Gewöhnlich gehe ich davon aus, dass Andere, ein Vorkommnis, eine Situation, auf jeden Fall etwas von außen der Grund für mein unangenehmes Gefühl sind. Gewöhnlich habe ich recht, andere unrecht.
Ungewöhnlich: Ich wende diesem negativen Gefühl Aufmerksamkeit zu, spüre Verantwortung dafür, entdecke meine Autorenschaft, erkenne, dass ich das Gefühl selbst hervorbringe, verursache, der Anlass mag außen liegen. Ich beginne, Ursache und Anlass zu unterscheiden. Je mehr ich das negative Gefühl als von mir verursacht erkenne und akzeptiere, desto mehr eröffnen sich ungeahnte neue Möglichkeiten.
Wir sehen die Dringlichkeit des Ungewöhnlichen.
Mit der Dringlichkeit des Ungewöhnlichen ist es etwa wie mit der Freundschaft oder dem Gespräch: Ihre Unverfügbarkeit eröffnet unvorhersehbare Möglichkeiten, die zum Ursprung unvorhersehbarer Wirklichkeiten werden – eine ästhetische Erfahrung.
Maike: In der Unbehaustheit wird der Umgang mit ästhetischer Erfahrung existenziell. Öffnet ästhetische Praxis einen Weg von der Entfremdung zur Resonanz?
Isabelle: Ich ist da. Ich fühle. Ich nehme wahr. Ich höre und ich spreche. Resonanz ist immer möglich.
Dorothea: Jeder Mensch ist ein Magier, wenn er Mensch ist.
Maike: Was meinst du, wenn du Magier sagst?
Gilda: In der Magie kann ich mich als selbstwirksam erleben.
Philipp: Menschen beschreiben Menschen – potenzierte Selbstwirksamkeit.
Gilda: Werken im Angesicht des Anderen.
Dorothea: Wie finde ich Wege, Sprachlosigkeit zu überwinden? Wie finde ich Wille, sie zu verwandeln?
Bodo: Kann ich Situationen schaffen, in denen Begrenzungen und Bedingtheiten von Hindernissen zu Gelegenheiten werden? Was ist das für ein Wille, der jenseits des Wirkenwollens Kraft gewinnt? Wie sieht er aus, der intuitive Wille?
Isabelle: Wie ein orange-gelber Drache, je nach Situation und Dimension – von einem Seepferdchen bis hin zu einem riesigen, fliegenden Drachen, er entfacht das Feuer der Kreativität.
Gilda: Wie schaffe und formuliere ich so, dass es nicht darum geht, mich selbst zu vergegenwärtigen? Gibt es eine Form, die ermöglicht, dass das Menschliche in Erscheinung treten kann, ohne den Versuch zu erpressen, eine absolute Antwort zu geben?
Isabelle: Ich bin mir nicht sicher, ob gesprochene Sprache dazu fähig ist, vielleicht hat sogar das Gemälde, das gemalte Porträt, in dieser Hinsicht einen empirischen Vorsprung. Die zeitbedingte Tätigkeit bietet Raum für Distanz und lädt zur Schönheitssuche ein.
Dorothea: Also öffnet die Schönheit – und schon die existentielle Suche nach ihr – einen Weg aus der Unbehaustheit. Sie ist immer Resonanz?
Philipp: Der Inbegriff ästhetischer Praxis ist der Mensch. Mehr noch sein Angesicht, seine Sprache – der Dialog, das Miteinander-Sprechen-Können, was man zwar suchen und wollen kann, nicht aber bestimmen oder verfügen.
Gilda: Ich führe manchmal mit Menschen Gespräche, die davon, von diesem Miteinander gar nichts wissen. Was spricht da miteinander? Was will zur Sprache kommen? Wie mache ich mich dafür durchlässig? Der Mensch hat auch eine Lichthaut, eine Empfindungs-Membran, eine Art Körperlichkeit, mit der wir Geistiges wahrnehmen können. Wenn man wirklich miteinander spricht, verbindet sich diese Körperlichkeit.
Bodo: In der Lichthaut, so scheint mir, wohnt ein Leib aus Erinnerung und Ahnung, der spricht.
Gilda: Wir sind vielleicht die Poesie der Engel.
Bodo: Also sind wir (mit-)verantwortlich? Für das Wirken der Engel? Aber vielleicht erst mal bei uns: Die Sehnsucht nach Selbstverantwortung und mehr noch ihre Wirklichkeit setzt Verunsicherung voraus – und Hinschauen, auch wenn man scheinbar nichts tun kann.
Gilda: Wie kommen wir zu etwas, das dem Menschen hilft, sich selbst wahrzunehmen? Und das Miteinander? Statt Ablehnung und Widerstand. Kunst als Alternative zum gewaltsamen Widerstand! Kunst ist nach John Berger der Ort für das ‹Überdauernde› und ‹Irreduzible›.
Berger: Ich kann dir nicht sagen, was Kunst bewirkt und wie sie es bewirkt, doch ich weiß, dass Kunst oftmals die Richter gerichtet, dass sie zur Vergeltung für unschuldig Erlittenes aufgerufen und der Zukunft gezeigt hat, welches Leid die Vergangenheit mit sich brachte, so dass es niemals in Vergessenheit geriet. Ich weiß auch, dass die Mächtigen die Kunst fürchten, wenn sie das tut, welche Form sie auch immer annimmt, und dass im Volk solch eine Kunst zuweilen wie ein Gerücht und wie eine Legende umgeht, weil sie einen Sinn stiftet, den die Brutalitäten des Lebens nicht ergeben, einen Sinn, der uns vereinigt, denn er ist letztlich von der Gerechtigkeit untrennbar. Kunst, wenn sie eine solche Funktion hat, wird zu einem Ort der Begegnung für das Unsichtbare, das Irreduzible, das Überdauernde.
Isabelle: Kunst wird zu einem Ort, wo Ich wohnen kann. Kunst ist bewohnbar …
Philipp: … in der ästhetischen Forschungs-Methode geht es um Bewohnbarkeit. Es geht um Begegnungen, Ineinandersein. Jemand beginnt zu erzählen, andere werfen ihr Licht auf diese Aufmerksamkeit, etwas wächst dazwischen, eine Bewohnbarkeit – hier entsteht ein Institut für Ästhetische Praxis.
Gilda: Was üben wir am Institut für Ästhetische Praxis?
Bodo: Die Ursache und nicht die Verhältnisse zum Gegenstand der Forschung zu machen; im leeren Raum zwischen Wort und Bedeutung zu arbeiten; mit Sprache und Sprechen als Methode zu forschen, miteinander; den Begriff Ästhetische Erfahrung und Ästhetische Praxis zu erfahren und zu profilieren und damit einen Kontext zu schaffen; Formen und Formate zu entwickeln, die unwirksam wirken.
Berger: Zwischen der Erfahrung, in diesem Moment auf diesem Planeten zu leben, und den öffentlichen Erzählungen, die diesem Leben Sinn geben sollen, klafft ein leerer Raum. Der Abstand zwischen den gesprochenen Worten und dem, was sie bedeuten, ist riesig. In ihm wurzelt die Verzweiflung, nicht in den Verhältnissen.
Maike: Wirklichkeitsbildung. Durch gemeinsame Aufmerksamkeit wird sie zu dem, was ist.
Philipp: Die Wirklichkeit der Anwesenden praktizieren.
Maike: Eine neue Art zu sprechen, da zu sein. Eine neue Art des Miteinanders.
Bodo: Eine neue Existenzform – sie zu leben, zu erforschen, ihren Begriff zu bilden, eine Anthropologie der Existenz wider die Verzweiflung zu ermöglichen, alles als Wirklichkeit der Anwesenden ...
Gilda: … der anwesenden Menschen und jeder Mensch ist selbst Begriff, also Tor für eine geistige Welt, die wirksam ist …
Isabelle: … wenn man den Körper mitnimmt. Ohne ihn geht es nicht, macht nichts Sinn.
Strenger Ostwind bei geschlossener Wolkendecke. Die Elbe erscheint bleiern, kaum bewegt. Wir suchen einen Weg durch ihr Flutbett, das von Großraumpfützen durchsetzt ist.
Gilda: Sprechen fließt, vor allem wenn es gelingt, miteinander zu sprechen – wie schweben. Texte dagegen sind oft wie Steine. Darin lässt sich nicht atmen; zu viel Gespanntheit oft im Gedanken. Welche Sinnlichkeit hat die Schwebe?
Maike: Dann lass‘ uns auf Wasser schreiben. Dass es fließt, sprudelt, quillt, wirbelt, rauscht …
Isabelle: … wie durchdringendes Universalisieren des Gefühls.
Philipp: Guter Text fordert und überfordert. Vor allem, wenn er nicht zur Genießbarkeit gebracht wird. Eine große Frage, die eigentliche Herausforderung für das Verhältnis von Inhalt und Form: Macht es mich schweben? Macht es mich leichter? Erhebe ich mich? Es braucht einen Gedanken, der die Tür aufmacht …
Bodo: … die Tür zum Leben, zum Dasein – der Modus unseres Daseins, der menschlichen Existenz, ist ja ästhetisch, ich meine: sinnlich und geistig, ungetrennt und unvermischt. Das sucht Ausdruck, Form. Es geht um eine Ästhetik, die die Existenz ergreift. Texte können einen Leib dafür bilden …
Maike: … Texte in der Präzision der Blüthenstaubfragmente. Novalis.
Dorothea: Ja. Eine Präzision, die nicht alles bestimmt.
Philipp: Inspirative Präzision. Wie halte ich die Aufmerksamkeit in der Inspiration?
Dorothea: Du meinst: Wie kann ich sie gestalten, so dass mein Bewusstsein ein ästhetisches und als solches in Einklang mit meiner Existenz ist?
Maike: Dann würde ich zu der, die ich bin. Eine Andere.
Isabelle: Wer bin ich dann?
Ritual an der Elbe, die Strömung des Flusses spricht die Zukunft, wir begegnen uns im Kreis, die Frequenz der Trommel bringt uns näher zu Takt und Klang der Pflanzen und Bäume, die Vögel stimmen ein, wir synchronisieren, symphilosophieren.
Schreiben über das Sprechen
Christina Ebersbach, 2026
Ahnung – eine Regsamkeit im Innern, ein Richtunghaftes, das tastet, sich formt und auflöst, webt und wabert, nicht ohne Wille und Sehnsucht. Ein Spurensuchen, das sich nach vorne und hinten zu bewegen scheint, zwischen Vergangenheit und Zukunft – noch kein Bewusstsein von Etwas, aber auch kein orientierungsloses Tappen. Die Ahnung sucht ein Bewusstsein zu werden von einem Geschehen, das unbemerkt in uns ist. Wir scheinen in diesem Geschehen zu schlafen, es schläft in uns. Und träumend suchen wir in diesen Spuren nach mehr Farben, danach, diese Farben und Formen und Spuren lesen zu lernen, voll Sehnsucht nach Erkenntnis und Klarheit und Leben. Wenn die Ahnungen in Worte finden, sich verdichten, eine Sprache sich formt, wird das Bewusstsein wach, ohne dass das Leben schwindet. Die Worte suchen dasjenige anders zu fassen, was in der Ahnung noch in keine Vorstellung, in keinen Begriff geronnen ist. Die Sprache schafft Bestimmung, Beschränkung und bringt Etwas mehr in den Raum, in die Dimensionen des Raumes hinein, Etwas, das vorher eher bloß in der Zeit zu sein schien.
Frühe Helligkeit, nicht ohne Frösteln. Im Rasen, begrenzt vom umlaufenden Kiesweg und weiß gekalkten Steinen, thront die Kastanie. Darin schwingt eine Schaukel in leichter Bewegung. Die Luft trägt den humosen Geschmack – stehendes Wasser hinter dem Deich – herüber.
Maike: Wie bringt ihr in Euren Worten zur Sprache, was ästhetische Praxis eigentlich ausmacht?
Bodo: In ästhetischer Praxis entwerfe ich einen Spannungsbogen zwischen meiner geistigen und meiner sinnlichen Existenz und lebe daraus.
Philipp: Diese Praxis ist eine geistige Teilhabe am Namenlosen. Eine Erfahrung, die, unverfügbar, mich lebendig macht.
Gilda: Das Wort, das sich sprechen lernt.
Isabelle: Wir wollen ja sprechen. Die Form ist noch nicht da.
Gilda: Wir lernen sprechen. Ich kann meine Bedingtheit transzendieren: Mit dem Lebendigen sprechen lernen – sonst wird‘s zu eng.
Bodo: Also intuitives Einvernehmen? Es geht ja schließlich nicht um den Versuch eines kollegialen Votums zur Erfahrung und Praxis der Schönheit.
Dorothea: Das Momentum des Schönen, der Gegenwärtigkeit, des Leichten, Lebendigen ist die Begegnung. Ohne sie gibt es keine ästhetische Erfahrung. Ich erschaffe sie in meinem So-Sein immer aufs Neue und mein So-Sein entsteht aus ihr. Wesentlich an der ästhetischen Praxis ist die Begegnung und das kann man vermitteln. Da bin ich zuversichtlich – das wird sich finden. Wenn wir miteinander sprechen, schreiben. Später Lesende könnten dann sagen: ‹Ich ist gemeint›.
Philipp: Lassen wir die Erfahrung des Gesprächs durch verschiedene Federn laufen.
Maike: Wie soll das gehen – kollektiv schreiben? Da zerreißt es mich.
Bodo liest aus Notizen zu einem Gespräch im Oktober 2023: ‹Es geht darum, aus der gemeinsamen und immer wieder erneuten Erfahrung des Sprechens, des miteinander Sprechens eine Form hervorzubringen oder zu empfangen, die sich der ästhetischen Erfahrung anpasst, sich sinnlich und geistig fügt. Ja, die ästhetische Erfahrung, die wir mit- und aneinander machen, möchte bemerkt, gesprochen und manchmal – ist das möglich? – geschrieben werden. Natürlich, miteinander Sprechen ist unverfügbar. Und das Erzählen, das fließende Sprechen, vor allem das lebendige Miteinander darin widerstrebt der fixierenden schriftlichen Form – und vielleicht lohnt gerade darum der Versuch?›
Philipp: Wo ist miteinander sprechen, wo ist ästhetische Sprache zu verorten? Die erste Schicht: Benennen – im Wort erfassen. Das Unterscheiden von Ich und Welt. Die zweite Schicht: Verbinden. Das Hervorbringende in der Welt wiederfinden.
Gilda: Benennen und dann verbinden, das Schaffende in der Welt, im Menschen finden? Wie es Walter Benjamin beschreibt?
Benjamin: Der Mensch ist der Erkennende derselben Sprache, in der Gott Schöpfer ist. Gott schuf ihn sich zum Bilde, er schuf den Erkennenden zum Bilde des Schaffenden.
Gilda: Soll ich glauben, dass ich im Sprechen erkennend Bild Gottes bin? Dann müsste ich mit allem sprechen können.
Bodo: Da ist eine Beziehung. Eine zwischen Mensch und Gott. Sie scheint vor allem in der Sprache zu liegen oder sich im Sprechen zu äußern. Und der Ausdruck ist immer verschieden, aber die Wirklichkeit der Beziehung spielt die entscheidende Rolle für alle, die sprechen.
Philipp: Wenn ich spreche, mache ich etwas zu etwas Gegebenem.
Gilda: Sprich so, dass Du weißt: Du bist ein Kind Gottes!
Bodo: Das Kind Gottes ist vorläufig und vollkommen, beides zusammen. Das Kind Gottes ist das Gegenteil von abgeschlossen …
Gilda: … weil ich noch nicht weiß, wie ich es mache. – Macht es einen Unterschied, vor allem im Schreiben, wenn man schon einmal in den Abgrund gefallen ist?
Heimatlosigkeit
Gilda Bartel, 2015
Das Kleid meiner Heimatlosigkeit
war rosa, wie unser Fleisch.
Ich trug es an einem Sommertag im Aprikosenhain,
als sich alle zärtlich betrachteten.
Selbst das Wasser des tiefblauen Sees
durchschwammen sie ohne Furcht.
Die Nacht meiner Heimatlosigkeit
durchwanderte ich nackt
und ohne Schuhe.
Isabelle: Am Abgrund zu wissen, wo man herkommt, wo man seine Wurzeln hat, dass man Flügel hat – macht alles anders.
Philipp: Ich komme an den Abgrund, weil ich nicht weiterkomme. Das, was mich bis hier getragen hat, trägt mich nicht weiter. – Ja, wissen, woher ich komme. Erinnern: Im Erinnern meiner Einmaligkeit trete ich in den Strom meiner Innenwelt. Erinnern ist nach Innen gehen – auf die Innenseite der Welt gehen.
Maike: Ich denke meine Erinnerung. Ich gehe aus dem Unmittelbaren heraus und betrete einen unbedingten Raum. Allein, dass ich mein Erinnern bezeugen kann, beweist, dass ich denkend im Unbedingten sein kann – oder nicht?
Dorothea: Wo ich denkend Zeuge meines eigenen Erinnerns werde, beginne ich, im Unbedingten unterwegs zu sein. Fühlend bin ich das immer. Wo Inneres aufleuchtet, beginnt die ästhetische Sphäre.
Philipp: Mnemosyne, die Göttin der Erinnerung – die Tochter von Gaia und Uranos, ist die Mutter der neun Musen.
Gilda: Im Musenhain bin ich nie allein. Da ist Miteinandersein.
Maike: Wir weben einen Stoff. Einen ästhetischen Stoff, der nicht nur für mich allein da ist.
Gilda: Es webt sich ein Stoff, mit dem ich meine Heimatlosigkeit bekleiden kann.
Dorothea: Tiefenkraft kann wirken im Wollen und die Intuition folgt. Sie hat eine Bedingung: Entweder ganz naiv sein oder wenn Ich nicht mit sich selbst beschäftigt ist. Der Ausgangspunkt: dass Ich sich selbst gefunden hat. Räsonierende, argumentierende Sprache ist ganz losgelöst von der Tiefenkraft, ist ganz akademisch.
Bodo: Tiefenkraft. Welche Tiefenkraft? Ja, die, die wir nie definieren können und doch kennen, mindestens ahnen. Sprichst Du von einer Verbindlichkeit gegenüber der Unvorhersehbarkeit? Ästhetische Erfahrung ist zunächst unbewusst. Sie dämmert dann auf, wird Ahnung. Verliert sie beim Aufdämmern nicht die Tiefe, die Kraft, und vor allem nicht das Dunkle, das goldene Dunkle, dann ändert sich etwas – im Herzen …
Maike: … weil das Leben unvorhersehbar ist. Und das ist Liebe, was da aufdämmert.
Gilda: Herzdenken?
Philipp: Wenn Du auf Zeus‘ Thron willst, kommst Du an den Musen vorbei: Die Aufmerksamkeit richten auf das Schöne – die Heimat der Seele; auf das Gute – wo der Wille wohnt; und auf das Wahre – das Zuhause des Geistes. Die drei ereignen sich da, wo der Mensch in der Schwebe ist. Sobald sich das Denken des Bildhaften entkleidet, wird es zu Willenskraft …
Dorothea: … und ohne zu Schweben würde es zur Abstraktion werden.
Kaminfeuer im grünen Zimmer, die Fenster zum Deich, nahe davor die schmalen Blätter der Felsenbirne, nie ohne Bewegung.
Gilda: Was macht den Menschen schön? Gibt es Techniken, die den eigentlichen Menschen hervorbringen? Was hat ästhetische Praxis mit Liebe zu tun? Was tut ein schöner Mensch? Was braucht diese werdende Praxis?
Philipp: Das Miteinander. Jedes Miteinander-Sprechen zeugt davon. Ich meine die Art und Weise des gemeinsamen Sprechens und Hörens, in der die Welt verwandelt wird …
Bodo: … ob man die Verwandlung merkt oder nicht. In der Ästhetik, da geht es um Wahrnehmen und Empfinden, um ihre Beziehung miteinander, zueinander. Einst wurde Ästhetik zu einer Disziplin, die Kunst untersucht, heute tritt der Mensch an die Stelle der Kunst. Ästhetische Praxis möchte sich dem Menschenrätsel stellen. Auftraggeber ist die Tiefenkraft des Willens – oder, Dorothea?
Dorothea: Ja, sie ist es. Sie ist am Ursprung. Am Ursprung jeder ästhetischen Erfahrung, die den Menschen meint, den Menschen sehen lernt, den werdenden.
Gilda: Ihr meint wirklich, die Tiefenkraft des Willens bringt uns dahin? Werden wir daran in einem Institut für Ästhetische Praxis arbeiten?
Bodo: Der Sinn ästhetischer Praxis liegt in ihrer menschlichen und gesellschaftlichen Verwandlungskraft – weil der Mensch seiner Anlage nach schön und heilig ‹scheint› (Schiller).
Gilda: Wir werden in heiliger Lauterkeit antikapitalistische Kraftwerksgedanken entwickeln.
Dorothea: Es geht darum, eine ästhetische Existenz zu ermöglichen – das ist Menschlichkeit, die auch in menschengemachter Komplexität sein und leben kann.
Isabelle: Ich habe vor allen Dingen Fragen: Was ist nicht ästhetische Praxis? Gibt es Schritte von ästhetischer Erfahrung zu ästhetischer Praxis? Kann man das lernen, ästhetische Praxis? Wie kann ästhetische Praxis helfen, das Mysterium der Gedankenwelt zwischen Menschen zu vermitteln? Wo kommt ein Gedanke her? Von wo kann man Gedanken auf die Spur kommen? Was sind das für Wesen?
Maike: Ja, wie bekomme ich ästhetische Praxis zu fassen? Wie halte ich sie? Wo entsteht der erste Keim? Wieso ist der Mensch so gebaut, dass jede Wahrnehmung in ihm etwas evoziert, was mehr ist als eine Wahrnehmung, etwas, das darüber hinausgeht? Wahrnehmung ruft etwas auf, was nicht in der Wahrnehmung liegt. Wie komme ich dem bei?
Gilda: Was tut ästhetische Praxis?
Philipp: Was macht den Menschen schön? – Läuft alles darauf hinaus?
Bodo: Und es müsste am Institut, das allen diesen Fragen gewidmet ist, einen Fachbereich ‹Schein› geben. Schillers ‹schöner Schein› hätte da endlich einen Ort, an dem er gilt.
Philipp: Ein Verbleib des Sinnlichen im Ewigen – das heißt Wirklichkeit bilden …
Gilda: … und alles wird zart bleiben, nicht versuchen, das Unaussprechliche aussprechen zu wollen.
Maike: Was also macht den Menschen schön?
Bodo: Das Unsagbare spricht doch still die Mannigfaltigkeit des Lebens …
Dorothea: … des Menschen – und die Scheu wächst, je näher wir dem Gebiet des Wesentlichen kommen …
Gilda: … oder den Schatten der Wirklichkeit.
Stille im Haus. Auch draußen. Selbst die Elbe fließt ruhig. Nachklingen des Miteinander Sprechens. Stille. Schreiben statt Sprechen.
Lesarten sehen
Gilda Bartel, 5. Juni 2024
Als sei der Mensch eine Maschine. Als trübe sich die Linse des Menschseins mit Ruß. Als wäre Gottes Wort gebunden.
Zeitfenster zerstückeln meine Anwesenheit, und auch meine Anmut, selbst die Deine, was genau so eine Frechheit ist. Ästhetische Praxis ist der Widerstand dagegen. Sie verweigert sich der Hetze, auch jener, die in Verallgemeinerungen liegt. Sie tut das Gegenteil. Sie webt mich zusammen und verwebt mich mit Dir, ohne dass ich verloren gehe. Oder vielmehr tue ich das selbst, aber wie von meinem Kosmos aus gelenkt, als griffe meine Sternenexistenz in das Geschehen ein. Ich werde empfänglich, durchlässig für eine neue Heimat. Ich werde immer schweigender, dem Klang des Wortes folgend.
Niemals hätte ich vorhersehen können, wie sich Brunhild ihre Schnürsenkel bindet. Tapsig, kindlich erschien es mir. Sie hielt sich eine große Schlaufe und umwickelte sie langsam mit dem anderen Schnürband, als drehe sie eine Runde. Es war schön zu sehen, es ließ mich staunen. Einen kurzen Moment verstand ich, was sie meint, wenn sie meint, ihr Name passe nicht zu ihr. Dann sah ich ihre alt gewordenen Hände, kraftvoll und zugleich fein, vor allem im goldseidigen Material der Haut, sanft im Verhältnis zur Welt. Diese Hände kochen und denken auch so, wie sie Schnürsenkel binden. Sie betasten und vollziehen in ihrer ganz eigenen Art die Dinge. Und Maike, neben ihr, kam mir an dem Abend wie die Fischerkönigin vor. Sie saß müde auf dem Thron, eine Decke über ihren Beinen, und ich wusste, die Frage nach ihrem Leid kann nicht mehr einfach nur gestellt werden. …
Als die Zeit leise wurde, begann die Melancholie des Flusses im heißen, immer noch gleißenden Sommerlicht zu spielen, war Himmelshelle und ein Wind, der von Frieden erzählt. Konturen wurden unscharf und Gefühle. In diese innere Weite haben wir eine Frage hinein getragen, die Elbe trägt sie schon lange, schon seit Anbeginn. …
Morgens, Blickwechsel
Maike Meyer-Oldenburg, 5. Juni 2024
Da steht ein Fuchs.
In seinem Blick bin ich schon, als ich ihn sehe.
Seine Augen ruhen auf mir – aufmerksam.
Was bin ich dem Fuchs?
Was ändert sich, wenn nicht ich mich den Gräsern auf dem Deich zuwende, sondern der Gräser Zuneigung bemerke, die mir gilt? Nicht ich dem Strömen der Elbe lausche, sondern in deren Rauschen des eigenen Bleibens gewahr werde? Nicht staune über das Leuchten des Sterns, sondern über das Ich in dessen Glanz?
Könnte ich mich von dort erfassen? Mir vertraut werden?
Ist mein Ich ihr?
Wie wenig ich doch weiß von mir.
Von dem schwebenden Etwas
Bodo von Plato, 5. Juni 2024
Jede Wahrnehmung – die unbemerkte wie die gewollte – ruft etwas im Wahrnehmenden hervor. Da, wo es empfindlich ist, in der Seele, entsteht durch jede Wahrnehmung – etwas. Etwas entsteht in der Seele, das mit dem Wahrgenommenen wie mit dem Wahrnehmenden intrinsisch verbunden ist. Je nach dem hängt dieses Entstehen entweder mehr mit diesem und weniger mit jenem oder mehr mit jenem und weniger mit diesem zusammen, selten mit beidem gleichermaßen. Etwas entsteht empfindlich, zart und beweglich zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem. Etwas entsteht schwebend zwischen Ich und Welt. Etwas entsteht je nach dem. Je nach Disposition des Wahrnehmenden, je nach Erscheinung des Wahrgenommenen. Immer aber als Ausdruck, als Folge ihrer Begegnung.
Dieses Entstehen bleibt meistens weitgehend unbewusst. Bewusster als das Entstehen ihres Zusammenhangs werden Subjekt und Objekt des Wahrnehmens. Diese beiden im Bewusstsein abzubilden und entsprechend zu urteilen oder zu handeln, ist gewohnter, als die Entstehung des Etwas zu bemerken, sie bewusst zu verfolgen oder sie gar selbst zu gestalten. Und das Bewusstsein von Subjekt und Objekt der Wahrnehmung entwirft gewöhnlich Vorstellungen, die sich auf sie selbst beziehen – wer und wie bin ich eigentlich oder was und wie ist das eigentlich, was ich wahrnehme oder wie verhalte ich mich dazu? Diese Vorstellungen bestimmen die alltäglichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Haltungen, die meisten Urteile und Vorgehensweisen. Unbewusst bleibt die Entstehung des Empfindlichen, Ephemeren, Zarten, dessen, was zwischen Ich und Welt, was aus ihrer Beziehung entsteht. Das schwebende Etwas bleibt unbewusst.
Richtet sich die Aufmerksamkeit auf diese Entstehung, bemerkt sie, dass bei jeder Wahrnehmung etwas Neues und Einmaliges zwischen Ich und Welt entsteht. Und dass diese Entstehung entweder mehr einer Empfängnis oder mehr einer Hervorbringung gleicht – dem Hervorbringen, sofern die Aufmerksamkeit sich mehr auf die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt der Wahrnehmung richtet; dem Empfangen, sofern sie mehr das neu Entstehende selbst ins Auge fasst.
Die Aufmerksamkeitsrichtung, die einen hervorbringenden Charakter hat (vita activa), gibt Auskunft über das Ich und über die Welt, Selbst- und Weltverständnis sind ihre Folgen im menschlichen Bewusstsein. Wissenschaften, Kunst und Lebensformen neuzeitlicher Kulturen haben bis heute vielfältige Arten und Weisen dieses Verstehens ausgebildet; sie haben die Welt, sich selbst und ihre Beziehungen untereinander entsprechend eingerichtet. Heute ist offensichtlich, dass diese Einrichtungen weder ökologisch noch sozial nachhaltig funktionieren – mit anderen Worten: die menschengemachten Welten sind unglücklich.
Über eine Kultur und ihre Folgen, die eher einen empfangenden Charakter hat (vita passiva), die ihre Aufmerksamkeit auf das individuell und neu Entstehende im Prozess des Wahrnehmens richtet, kann noch nichts ausgemacht werden, denn es gab sie noch nie; weder in indigenen Kulturen, die möglicherweise mehr in Harmonie mit der Ordnung der Welt lebten und weniger von sich selbst als Einzelwesen wussten, noch in jüngeren, westlich geprägten Gesellschaften, in denen ein Herrschaftsverhältnis des Ich über die Welt die Lebensformen bestimmt. Keine Lebensform orientierte sich bisher an dem, was zwischen Ich und Welt entsteht, was durch ihre Beziehung miteinander, was in Wechselseitigkeit, immer so ganz einmalig, situativ und in diesem Sinne menschlich entsteht.
Dieses Entstehende, dieses Etwas, zart und schwebend, soll hier ästhetische Erfahrung genannt werden. Ästhetische Erfahrung erschließt sich einer Aufmerksamkeit, die das Werdende sucht, das Ephemere liebt, das Erscheinende achtet, das Unscheinbare sieht; einer Aufmerksamkeit, die das Dazwischen, das Unspektakuläre, das sich selbst nicht zur Geltung Bringende und doch Mächtige, möglicherweise alles Verändernde bemerkt.
Diese ästhetische Erfahrung wird da zur ästhetischen Praxis, wo ihr Einlass in die Vorstellungsbildung, in die Urteils- und Handlungsorientierung gewährt wird. Das geschieht nie von allein, nie gewollt, aber immer frei wie ein Schenken; es kann nicht delegiert werden und nicht delegieren. Was ästhetische Praxis vermag, wie sie handelt und nachhaltig Welt und Ich transformiert, ist nicht vorhersehbar, ist so einmalig und mannigfaltig, wie alle Wahrnehmung, wie ihr Subjekt und wie ihr Gegenstand.
Sprache – Ich und Natur
Christina Ebersbach, 2025
Fliegender Luft-Lichtling
Leicht ohne Woher und Wohin,
hingegeben ohne Innen und Außen,
unberührt und unberührbar –
ein Glück, ich sehe ihn!
Welche Sprache spricht das Wasser? Meine Sinne suchen sie aufzunehmen, das Ohr sucht sich der Wasserbewegung anzuschmiegen, ihren Rhythmus sich einzubilden bis ins Blut – das Auge findet Halt in der Unaufhörlichkeit der Bewegung, in der lebendigen Ausdehnung selbst. Eine Sprache des Lebens spricht das Wasser, ich bin ein Resonanzraum, ich höre wohl…
Nur der Mensch kommt auf die Idee, zu schreiben. Natürlicher Ausdruck offenbart sich unaufhörlich, entsteht und vergeht; spricht als Werden, das nie schweigt – die Sprache der Natur ist vielgestaltig, von unendlicher Mannigfaltigkeit, zart und leise, gewaltig und tönend, ohne verstehendes Ohr – und doch, spräche sie denn, wenn nicht der Mensch ihr entstiege? Der Frager, dem keine Antwort genug ist? Er spricht, um zu verstehen, wechselt zwischen Hingabe voller Seinslust und kühler Rückbesinnung auf sich selbst.
Wo bin ich selbst, wenn ich mich äußern will, Sprachausdruck suche und versuche? Bin ich ganz in allem, dem ich angehöre? Und ziehe aus allen Welten und allem Welterleben das, was ich äußere und wie ich es sage? Bin ich im Wechsel zwischen Umkreis, Draußen, Kontext und Zentrum, Innen, Insel?
Was macht den Menschen schön?
Isabelle Sourinho, 5.-9. Juni 2024
Wenn man die Sprache der Rosen spricht.
Die Rose singt und schwingt, verführt sind wir von ihrem dezenten Duft.
Wenn sie spricht und wir verstehen.
Wenn
ihre intensiv rosa-rote Farbe unsere Aufmerksamkeit erregt.
Wenn ihr Weiß uns hellwach macht.
Wenn
wir
die Tiefe ihrer Zauberkraft spüren.
Wenn
wir
Perlentaucher und Pfaderfinder werden.
Wenn ihre unverwechselbare Sprache in unserem Ohr erklingt, ihr Sinnbild vor unserem inneren Auge winkt.
Wenn unsere Seele das Tor des Weiblichen durchschreitet, ihre Anmut umarmt und das Herz mit ihrer Frequenz schwingt.
Wenn wir die Sprache der Rosenblüte verstehen, all dies wahrnehmen und noch viel mehr in uns aufnehmen können, dann ist die Rosenblüte der Spiegel der menschlichen Seele.
Wenn wir die Widersprüche zwischen Zärtlichkeit und Härte, weich und stachelig, deren Koexistenz anerkennen und akzeptieren.
Wenn wir die gegensätzlichen Kräfte, die denselben Ursprung haben, loben und feiern können, vielleicht wäre dann der menschliche Körper, sein Geist und die Seele, die Verkörperung des Urbildes der Rose.
Einladung zum Blütenberg Aufstieg
Wenn bei Berührung ein verspannter Teil deines Körpers – erscheint, die Rose aus deinem tiefsten Inneren. Diese Verhärtung, der ignorierte Anteil von deinem Ich, einen lang geahnten Eisberg für wahr-zu-nehmen, sei vollkommen präsent, wenn das Hinschmelzen des Eisbergs sich zum Blütenberg transformiert. Die Rose als Archetyp wirkt mit ihrem tiefsten Rot auf deine inneren Zellen. Unberührbar ihre Schönheit, ihre Verfügbarkeit, die Dauer deines Atemzugs. Sie spricht: ’ Wenn du mich wahrnimmst, höre auf deinen Körper. Lass die Tränen des lang geahnten Eisbergs fließen, fühle wie deine Härte dahinschmilzt.’ Die Zärtlichkeit ist für die Ewigkeit, die Härte ist vergänglich.
Ästhetik ist Mensch
Dorothea Schulz, 5. Juni 2024
Spreche ich von Ästhetik, höre ich immer wieder einmal: Ah, Du interessierst Dich für Schönheit, für Kunst. Ja, das tue ich, aber ich denke hierbei an das größte, das schönste, das rätselhafteste Kunstwerk, das mir, dem ich begegnen kann: Es ist der Mensch. Jenes in der Schwebe befindliche, noch längst nicht gewordene, noch lange werdende Wesen, das sich selbst gestalten, zur Vollendung bringen, auferstehen will. Jede ästhetische Erfahrung, die ich mache, verweist mich auf diesen kreativen Prozess.
Doch was zeichnet meine ästhetische Erfahrung aus? Voraussetzung ist die Begegnung mit dem Gegenstand meiner Wahrnehmung, das freie In-Beziehung-Treten zu ihm, der geistes-gegenwärtige Moment, der es ermöglicht, der reinen Wahrnehmung freudig noch etwas hinzuzufügen, das vor diesem Moment noch nicht existierte, das aus diesem Moment sich erst erschafft. Es tritt also etwas Neues, nie Dagewesenes ins Leben, in die Welt. So wird sie reicher, erfüllter, schöner.
Lässt sich aus dieser Erfahrung eine Handlungsweise, eine Praxis entwickeln, die mit ihrer transformatorischen Kraft dazu beitragen kann, die Welt zu einem Ort zu formen, an dem der Mensch im Zusammenwirken mit Natur und Geist seinen Entwicklungsweg zu sich selbst gehen kann? Welche Voraussetzungen braucht es hierzu? Ist es die Lauterkeit, wie Gilda sagte, ist es die Verbindlichkeit, von der Bodo sprach? Könnte es gelingen, in Selbstlosigkeit, ohne Absichten, ohne auf Wirkung bedacht zu sein, Wege zu bahnen, wie Menschen in freien ästhetischen Zusammenhängen zueinander finden, miteinander ins Gespräch kommen können? Wollen noch Begriffe gebildet, eine Sprache des Anfangs gefunden werden, um solches miteinander Sprechen zu ermöglichen?
Noten
Philipp Tok, 5. Juni 2024
Wer ist der schöne Mensch?
Schön ist, wer das Ganze im Geteilten sieht; wer hineingeworfen in die Vielheit, die Götter im Auge trägt.
Schön ist nur, wer im Ausgeliefertsein Geborgenheit fühlt.
Schön ist der Mensch, der sich in den ihn umgebenden Angesichtern vergisst.
Schön ist, der in seinesgleichen die Götter sieht und verköstigt.
Ästhetische Praxis ist, wenn Götter in Menschengestalt Festmahle halten.
Alles ist besprechbar, nichts zu beurteilen.
Wie wird der schöne Mensch entfesselt?
Der Erdentag bindet und organisiert die menschlichen Kräfte, fesselt und nötigt sie. Und hält sie beisammen. Im Himmelsdienst lösen sich die Manschetten der Minuten, werden zu Takt und Tempi. Werden die Stellen hinter dem Komma zu Träne, Nackenlinie, Vogelstimme.
Was tut der schöne Mensch?
Er handelt aus dem anderen, sich selbst folgend.
Jede menschliche Regung ist relevant.
Ebenso der Anziehung, wie der Abstoßung,
der Anregung wie der Ausgleichung.
Die Schöne erinnert, verinnerlicht, erlichtet das Gesehene, Gehörte, Empfundene. Zeigt, weist, nennt das Innere – macht das Leise laut. Macht Genuß zu Muse. Schöpft den inneren Stand- oder Schwebepunkt, hält sich selbst – wird zum Träger der Welt, zum Geist über den Wassern.
Der schöne Mensch ist unter Schönen. Aus den Zauberklängen der Bündnerinnen macht er Musik. In diesem Horizont findet die Zeit ihr liebstes Bett.
Ästhetische Praxis ist ein Gespräch unter Göttern in Menschengestalt.
Oder: Wie sprechen Menschen miteinander, die die Göttin ineinander sehen und wünschen?
Ästhetische Praxis heißt ‹ja› zu den Seelen,
zur Gleichzeitigkeit von Erde und Himmelei,
zur Durchdringung von Es und Du.
‹Man stelle Statuen der Musen im Stadtrat auf, wenn Korruption und Niedertracht die Polis befällt. Sie werden die Sittlichkeit wieder herstellen.› (Antiker Reiseführer) Im Kunsterleben, im unnützen Preisen und Loben, im Heben und Schweben der Sorge, ordnet sich die Menschenseele, wird Kultur. Im Wundern vereint sich das Menschliche. Die Liebe zur Kunst, zur Schöpfung, zum Schöpfen, zum Herzlichsein, ist die Praxis der Schönheit.
Die schlarafische Praxis proklamiert: Alles, was Du Dir wünschst, ist im Überfluss, unendlich produzier- und konsumierbar. Die ästhetische Praxis erklärt die menschliche Regung zum Produktionsmittel für befriedende Wahrheiten, befriedigende Rätsel.
‹Was sich verstehen lässt, lässt sich nutzen.› vs. ‹Was einmalig ist, gibt Anlass zur Verschwendung.›
Ästhetische Praxis ist das Selbstverständliche zu verwirklichen: miteinander, übereinander und alles sprechen.
Ästhetische Praxis ist die Aktivierung des Diesseits.
Ästhetisch Existieren heißt: Ein schönes Leben führen. Der Fülle des Lebens und den Weiten des Geistes nichts vorenthalten. Bei sich in der Welt.
Die Absicht Ästhetischer Praxis ist es, die ganze Seele des Menschen in Bewegung zu versetzen. Den Kern zu entzünden und von hier aus alles in schöpferische Flammen zu entfachen.
Sieh wer da spricht! Siehst Du den Gott? Wie er funkelt und sich räuspert, wie sie vertraut nachdenkt, wie freudig der Raum wird?!
Werde ein Mitmensch.
Was in anderen lebt,
Ist der Zaubertrank.
Ästhetische Praxis ist die Sehnsucht nach schönem Leben. Methode ist Gruppe als Gefäß der Freude ausbilden. Sich einander alles nachsehen und allem die Gastgeberei anbieten. Jedem Thema die Tür aufmachen, jeder Erzählung lauschen und keinen Witz allein lassen. Alle Kräfte wecken und einander ausgleichen lassen. ‹Hell denken, feurig lieben.› (Schiller)
Eine Praxis aus der Sinnlichkeit ableiten.
Ich vermute, Du weißt die Antwort.
‹Dieser Mensch hat ein schönes Leben gelebt› sagst Du. Und ich frage Dich, ‹Was macht das Leben schön?› Wie hat Sie es gemacht, von der Du sprichst? War sie selbst schön?
Wer darum weiß, wie man das Schöne findet, ist Praktiker der ästhetischen Erfahrung.
Was machen ästhetische Praktiker?
Gedankenflughäfen bauen.
Das tätige, menschliche Bewusstsein versammeln.
Zu allen Begleiterscheinungen Ja sagen.
Das gewöhnliche Bewusstsein begleitet das menschliche Leben. Was aber, wenn das Leben das tätige Bewusstsein begleitet?
Was ist ein schöner Mensch? Einer der in alle Richtungen zugleich wächst. Nach Innen, in die Vergangenheit, in die Sterne, ins Genießen, in den Wechsel, ins Anpacken, in die Ruhe und in den Gang.
Und was tut er? Spazieren, freundlich unsicher sein, Ochsen züchten, Blumen essen. Die Hand reichen, den Mund öffnen, die Ohren spitzen, Lächeln ernten, Eile verzeihen, den Gesichtskreis anheben, Wölfe ansiedeln, Löffel sammeln. Eigen sein. Alles Gegebene als absolut, alles Mögliche als Anfang verstehen. Da sitzen, die Knie beugen, den Stift kreisen lassen. Den Ärmel im Augenwinkel aufspüren. Die Fersen aneinander drehen. Alle Fenster gewahr werden. Über das eigene Augenlicht rätseln.
Was machen Menschen?
Dir sagen, wer Du bist.
*
Die Fenster gehen nach Westen und – eine Besonderheit der Gegend wie sonst so oft in Dänemark – sie öffnen sich nach außen. Ein letzter Farbschimmer in der Dämmerung. Zart.
Philipp: Liebe ist eine Macht, die keine Regel braucht. Liebende wissen, wo die Grenze ist.
Isabelle: Ich bin oft ein Fisch, der unter Wasser seinen Weg im Grenzenlosen nicht findet – aber das auch ganz gerne hat.
Bodo: Alles, was wir wirklich gerne haben, hat einen einmaligen Glanz. Anderen kann er manchmal wahrnehmbarer sein als uns selbst.
Dorothea: Glanz ist, was erscheint. Schein ist flüchtig.
Gilda: Die Rosen haben ein Cremerosaweiß, das fast nur wie ein Glanz auf dem Seidenstoff der Blütenblätter liegt. Es bildet einen zart glühenden Innenraum, der schwebt: das erste sichtbare Licht auf dieser Welt im Zwischen-den-Blütenblättern. Wenn Schönheit zu Liebe wird. Muss auf dem Weg zum ‹Marktplatz› mein oder Dein Wort durch die Schwelle des Gefühls gehen, damit es die Kraft bekommt, wahrnehmbar zu werden? Wird Schein zu Glanz, wenn Licht zu Wärme wird? Seltsam neu und zauberhaft, jemanden oder etwas schön zu lieben. Wo die Engel Kinder sein dürfen. Ein Sensorium für das Schöne wäre immer schon auch ein Sensorium für den Frieden.
Lange Schatten wirft das Septemberlicht. Noch Sommer, duftet es stark nach gemähten Wiesen. Manchmal bahnt eine reife Kastanie sich den Weg durchs Geäst.
Maike: Dorotheas Stille von letzter Nacht hat allen Vorstellungscharakter ausgeräuchert. Es bleibt Klangraum, Konzentration, Kontemplation. Und wie lebt es sich ohne Rüschen? Zart sind die Momente, in denen ich jemanden ganz anders sehen kann. Und dann kommen die grossen Fragen: Wie will ich leben? Wo will ich leben? Mit wem will ich leben? Oder: Die Kraft, Zusammenhänge zu sehen, zu bilden. Die Verortung durch individualisierte Begriffsbildung. Die stille Macht des Schönen.
Dorothea: Die Verstorbenen in Portugal – wir waren einige Zeit dort; die lange Abwesenheit hatte Gewicht – leben anders als zum Beispiel in Deutschland oder Spanien. Scheu, fast schon schamhaft in der Begegnung mit den Lebenden, weniger auch an direktem Austausch interessiert, sind sie sich deutlicher ihrer eigenen Gemeinschaft bewusst, der unter Verstorbenen, und ihr zugewandt.
Klünker: Auch zwischenmenschlich können neue Empfindungsräume entstehen. … Es entsteht dabei ein neuer zwischenmenschlicher Gefühlsbereich, der weniger seelisch aus Emotionen resultiert, sondern eher geprägt wird aus den Intentionen, den Willensrichtungen, die mich zu Anderen hinführen, mit ihnen zusammenarbeiten lassen, in nähere Beziehungen zu ihnen treten lassen. Aber dieser Wille tritt eben als Gefühl auf, und diese Empfindung erlaubt neue intuitive Fähigkeiten im zwischenmenschlichen Umgang. Es ist so, als würden sich die zwischenmenschlichen Empfindungen zu einer Intuitions-Einheit zusammenschließen, wo sie früher sich widersprechend oder sich gegenseitig ausschließend, zumindest uneinheitlich waren.
Maike: Es ist voraussetzungsreich, sich gezielt treiben zu lassen und eröffnet eine Art und Weise, den Geschehnissen eine noch nicht geahnte Bedeutung abzulauschen. Momente. Neue Momente, eine Bereitschaft, ins Unsichere zu gehen, für das Unterwegs-Sein in der Haltung von Serendipity. So kam es im Sommer zu meinem Hineingeraten in die Vorführung des Films ‹Smoke Sauna Sisterhood› in einer Kunstgalerie in Tallinn. Doch wurde daraus ein Grundton, der dann in vielen Varianten wieder in Erscheinung trat und die Couleur der Ereignisse veränderte. Es geht in dem Film um die Heilung durch ein miteinander Sprechen in der Wärme.
Isabelle: Der Sommer ist noch nicht vorbei. Das goldene Licht der Dämmerung beginnt hier. Ich war einen Tag am Meer und hatte eine körperliche Erfahrung der Glückseligkeit. Wo ist der Ort der Glückseligkeit?
Gilda: Glückseligkeit ist Gehen in zärtlicher Würde – einen Blumenstrauß hinter dem Ohr, und Disteln im Haar, und alles beginnt zu sprechen. Das Schmelzen der Erde unter meinen Füßen – ich selbst bin die Anschauung darin. In diesem Stück wäre ich die Lichthaut, auf der sich das Geschehen abbildet …
Bodo: … ich selbst bin die Anschauung? Angeschautes und Anschauende werden eins? In der Formulierung, im schöpferischen Akt, in der Formgebung treten Angeschautes und Anschauende als eins in Erscheinung – und schaffen eine neue Möglichkeit zur Anschauung.
Philipp: Anschauung ist ein Handwerk, das als Fähigkeit zum Reifen gebracht werden kann.
Maike: Die Anschauung behandeln wie das Zuhören. Richte ich die Aufmerksamkeit auf das Aufnehmen im sinnlichen Prozess, entsteht Raum, in dem mir etwas aufgehen kann.
Dorothea: Wenn ich dann etwas von dem erfasse, was ein konkreter Mensch ist, erfahre ich ästhetische Praxis.
Bodo: Voraussetzung für die Anschauung ist die Erscheinung. Und doch hängt das Zur-Erscheinung-Kommen von der Art und Weise der Anschauung ab. Eine einander bedingende Wechselseitigkeit lebt hier, die ich gerne aufmerksamer verfolgen möchte, ästhetisch gewissermaßen.
Philipp: Ein wunderbares Erlebnis der Anschauung ist die Verbindung von Sinneslicht mit der Erinnerung.
Steiner: Ideen-erfüllt erlebt die Seele Geistes-Licht, wenn der Sinnenschein nur wie Erinnerung in dem Menschen nachklingt.
Gilda: Ästhetik ist die Liebe zur Übersinnlichkeit, die sich in der Sinnlichkeit erkennt. Anschauungskunst. Welche Möglichkeiten finde ich, das werdende Wesen zu sehen?
Philipp: Anschauungskunst wird zur Brücke zwischen Ästhetik und Okkultismus. Ich stehe zugleich in der unverborgenen und der verborgenen, also okkulten Welt. Die ästhetische Sphäre hebt das Jenseits auf; was in ihr ist, ist hier und da.
Maike: Wie behalte ich bei der Minne den Boden unter den Füßen, dass sie nicht zur Schwärmerei wird? Ist das dieselbe Frage wie die nach den Möglichkeiten, das werdende Wesen zu sehen, nach der lebendigen Anschauung?
Philipp: Im Schwärmen kann ich den Gegenstand verlieren. Im Minnen kann ich ihn hervorbringen. Es geht im Anschauen und Minnen darum, eine Methode der Zusammenarbeit zu entwickeln. Eine Forschungsmethode zur künstlerischen Entfaltung des Menschlichen.
Bodo: Gerne versuche ich, über die Brücke vom Okkultismus zur Ästhetik zu gehen, weniger gerne umgekehrt ...
Philipp: … wieso weniger gerne umgekehrt?
Bodo: Ich suche eigentlich kein Jenseits der Sinnesanschauung. Das gewöhnliche Verständnis des Okkultismus misst dem Sinnlichen wenig Bedeutung zu – wie die klassische Ästhetik, die ja weitgehend idealistisch ist. Sie fragt: ‹Was ist schön?›. Eine praktische oder realistische Ästhetik stellt die Frage anders: ‹Was macht etwas schön?› Schön in der Erscheinung, da, wo die Sinne mitsprechen, am besten alle Sinne. Das Gespräch wird das natürlichste Werkzeug dazu – und kann selbst zur Kunst, zum Werk werden …
Maike: … zum Gesprächswerk.
Philipp: Kunst ist ein zweites Leben im Leben. Ein gesteigertes Leben. Dramatisch.
Bodo: Wo das Anschauen Ausdruck werden kann, beginnt die Wahrnehmung, Erzählung zu werden. Die Anschauung zum Ausdruck zu bringen, wird zu einer künstlerischen Herausforderung.
Gilda: Ich liebe tatsächlich, dass ihr meine Sprache und mein Sprechen, mein Anschauen verändert.
Dorothea: Drei Ebenen durchdringen einander dabei. Eine imaginative – Bild und Gedanke; eine inspirative – Begriffe vertiefen; eine intuitive – Menschen, die miteinander teilen, miteinander sprechen …
Gilda: … miteinander zu sprechen setzt eine Empfindungskultur voraus und ist Teil ihrer Realisierung. Wir sind darin immer zerbrechlich. Da lebt alles im Zarten, ist Zerbrechlich-Sein, ist ganz Beziehung. Ich habe mir immer eine kornblumenblaue Beziehung gewünscht.
Bodo: Kornblumenblau? Ja, in der Farbe lernen wir sprechen, scheint mir, sie ist frei und groß und genau. Können wir so miteinander sprechen?
Gilda: Sprechende Empfindungskultur in Kornblumenblau – da durchdringen sich die Ebenen, von denen Dorothea spricht.
Ein Weltbild verdaut
Isabelle Sourinho, 2026
Die Welt gibt sich rasch bedingungslos hin
Der Mensch hinkt bedingungsvoll
auf einem Bein hinterher
das dritte Bein tritt ganz gemein
auf sein zweites Bein
Ein Riss der Unsicherheit
spuckt Ungeduld
auf den Glanz der Zärtlichkeit
die Tiefe fließt
es hieß
der Brunnen erwacht
und es kracht
Die neue Ordnung bringt Samen zum Proletariat
Herrsch und Schaft denn, da bleibt die Macht
Der Sitz der Behaglichkeit wankt
gemütlich mit den Augen zu
damit man den Abgrund nicht sieht
die Strömung zieht
In ihrem Strudel sind alle gleich
Der Wind, bevor er beginnt
dreht die Waage der Zeit
mit dem Sturm geht es los
Standhaft ist Vergangenheit
Das Feuer wütet
entfesselt die Raserei
entflammt die Herzen der Laien
Nun hat Atlas die Schultern frei
Gilda: Eins ist mir aufgefallen: Menschliche Beziehungen sind nicht kausal. Sie folgen nicht dem Prinzip von Ursache und Wirkung, funktionieren nicht eins zu eins, scheinen immer ins Ganze des Mitmenschlichen einzufließen. Kann man da Gesetzmäßigkeiten finden? Oder sind sie immer individuell? Und kann ästhetische Praxis wahrnehmungsfähig dafür machen? In Gotha, gar nicht weit von Weimar, gibt es ein Bild, das ich Euch zeigen möchte. Es wird Lucas Cranach zugeschrieben und heißt Christus und Maria. Es hängt im Schloss Friedenstein, im Herzoglichen Museum.
Maike: Vor dunklem Grund, in ein ebenso unergründliches Schwarz gekleidet, konzentriert sich das Bild auf zwei Gesichter. Ein Paar – Mann und Frau, Christus und Maria Magdalena – überraschend ebenbürtig porträtiert, ebenso minutiös wie minimalistisch und ohne jegliches Attribut. Die Farbigkeit ist reduziert auf das Inkarnat der Haut, den leicht rötlichen Ton der Haare und die bläuliche Iris des Mannes. Sie neigt ihm ihren Kopf zu, an seiner linken Seite leicht versetzt vor ihm stehend. Mehr Bewegung ist nicht im Bild. Doch ist da diese innere Spannung und eine offensichtliche Innigkeit zwischen beiden: unio mystica? oder eine Form der Minne zwischen Mensch-werdendem und Mensch-gewordenem Gott? Beide blicken direkt aus dem Bild auf das vor ihnen liegende Geschehen – auf die in Anschauung begriffenen Menschen. Sein Blick ist nach außen gerichtet, offen, ergründend; der ihre ist nach innen geweitet, mitfühlend, tröstlich. Sie schauen ernst, aufmerksam und voll des Verstehens. Als Betrachter begebe ich mich in ihre intime Obhut des Gehört-, Gesehen- und Verstanden-Werdens. Anschauung wird zu Andacht.
Dorothea: Ich erlebe einen Strom, der aus der Zukunft kommt. Der menschliche Leib ist eine Leihgabe und gleichermaßen eine Gestaltungsaufgabe. Wie sieht eine Ethik des Leibes aus? Der Auf- und Abbau des Leibes ist eine der unübertrefflichen Tätigkeiten des Ich. Der Leib schafft die Möglichkeit, dass ich mich als begrenztes Wesen erfahren kann. Und Cranach zeigt eine nicht-kausale Beziehung, es deutet auf ästhetische Praxis in Reinform hin – alles daran.
Gilda: Unbefleckte Erkenntnis. Christus und Maria tauchen aus schwarztransparentem Hintergrund auf wie aus dem Äther. Gemalte Büsten, deren Gewänder genauso zartschwarz sind. Maria ist jung und nicht die Mutter Gottes, sondern die andere. Christus hat eine Präsenz, die in uns wohl nur der Schmerz zu erzeugen vermag. Zwei Antlitze schauen uns an, wie wir sie anschauen. Anschauungsspiegelung. Ich habe keine Angst, ich fühle mich sicher bei ihnen, sie werten nichts und vernehmen doch alles. Sie kennen alle Winkel von uns und sehen doch jedes Mal wieder neu, wie wir beginnen zu sehen, zu fühlen, zu verstehen, zu fragen. Er schaut direkt, während sie wie in sich hinein lauscht und die inneren Regungen schauend erfühlt. Es wirkt, als sei ihrer beider Blicken zusammen zu einem Leib geworden. Ein Anschauungsleib?
Während wir schauen und staunen und miteinander sprechen, kommt es zu einem Versprecher, der sich nicht zufällig zu ereignen scheint, wenn auch völlig unbewusst. Wir sprechen über irgendetwas, was auf die unbefleckte Empfängnis zuläuft, aber heraus kommt die ‹unbefleckte Erkenntnis›. – Sind unbefleckte Erkenntnisse vielleicht gar zukünftige Erkenntnisse? Unbefleckt, weil diese Erkenntnis sich in Gemeinschaft ergibt, in Gemeinschaft sich selbst sehender und sich selbst fühlender Menschen, die miteinander sprechen und sich dabei anschauen? In und an dir und mir empfangen-empfunden-gefunden.
Philipp: Das Bild ist in seinem Präsentationskontext wie ein Loch in der Wand, wo sich alles umkehrt. Da sind zwei, die sind da um zu schauen, nicht um geschaut zu werden. Sie beobachten die Jahrhunderte, bzw. die Menschen in ihren biografischen Bögen, zugeneigt, zusprechend, anteilnehmend. Sie sehen durch Mauern und Gezeiten, wecken den Ewigkeitsfunken in der Persona. Tragen Würde und Anmut an. Doch lassen sie sich auch vermessen, haben keine Angst vor Technik oder dunklen Gedanken. Interessant sind sie ihnen aber nicht. Ein Schicksals-Ja ist ihnen genug.
Isabelle: Hier, nicht weit, ist Buchenwald.
Buchenwald bei Nacht
Gilda Bartel, 2024
Beklommen brachen wir nach Buchenwald auf, acht Kilometer nordöstlich von Weimar. Shuttlebusse transportierten Massen an Schaulustigen im Zehnminutentakt von der Stadt hinauf, die Blutstraße entlang bis zum beleuchteten Glockenturm. Nach der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner gab es eine ähnliche Situation, die auch in einem Dokumentarfilm festgehalten wurde. Darin sieht man Weimarer Bürger, die, glücklich über das Kriegsende, in ihren besten Kleidern, nach Buchenwald pilgern und in die Kamera winken. Und die dann sich übergebend, Taschentücher vorm Gesicht, verstört, beklommen, der Kamera ausweichend, an den Leichenbergen stehen, die noch nicht beerdigt waren. Heute wurde der Ort durch audiovisuelle Installationen bespielt. Lichtprojektionen belebten künstlerisch die Geschichte an den Reliefs, die vom Lagerleben erzählen, an den Pylonen der Nationen und am Turm. Dazwischen sanft beleuchtet die drei Massengräber. Unsere vielen Silhouetten wurden Teil der Projektionen. Ein Strom durchfloss die ganze Anlage. Ab und an Handys, Hintergrundbilder vom Hund, von Oma mit Enkelin, vom Sommerurlaub. Noch nie habe ich so viele Menschen, die ich nicht erkannte, an diesem Ort gesehen. Über uns die Sterne im Nachtwind.
Isabelle: Buchenwald ist da.
Philipp: Was siehst du, wenn du einen Menschen siehst?
Isabelle: Schönheit. Die Seele durch das Auge. Den Leib. Die Seelen, wenn sie sich begegnen.
Philipp: Wann fühlst Du Dich gesehen?
Isabelle: Wenn ich mich als einsehbar erlebe, dann fühle ich mich gesehen.
Gilda: Ich sehe zunächst mich. Meine Vorstellungen.
Philipp: Der andere Mensch löscht meine Vorstellungen aus.
Bodo: Ich möchte den physischen Menschen als Menschen sehen lernen. Die Existenz durch den Leib, das Existieren im Leib, ohne etwa das Darüber-Hinaus zu übersehen.
Maike: Ich kann nur relational auf die Frage antworten, was ich sehe, wenn ich einen Menschen sehe. Es hängt davon ab, wie sehr ich den Menschen liebe.
Dorothea: Ich sehe Dich. Ich sehe mich. Ich sehe die Beziehung.
Gilda: Jemand hört mich, dann fühle ich mich gesehen. Und Du, Bodo, wann fühlst Du Dich gesehen?
Bodo: Wenn Du mich verstehst. Und Philipp, wie bist Du, wenn Du gesehen wirst?
Philipp: Ich fühle mich geschätzt. Nur dann fühle ich mich gesehen, wenn jemand etwas sieht, das auch ich als Wert erachte.
Maike: Und wenn jemand etwas sieht und wertschätzt, das Du noch nicht in Dir erkennst?
Dorothea: Dann wächst Philipp.
Bodo: Gestern sprachen wir im Hinblick auf Buchenwald über Korrumpierbarkeit und Unkorrumpierbarkeit, ihren Ort in der Seele, das Gewissen.
Philipp: Das Gewissen ist ein Ort, in dem das Gesetz individualisiert wird, wo die Beteiligten selbst das Gesetz immer wieder neu und umbilden.
Bodo: Ein Ort, an dem normative Moral, wenn es gut geht, ihren Ausgangspunkt hat. Aber alle Konvention ist korrumpierbar. Wie ist die Sprache des Gewissens, die persönliche Sprache einer geistigen Unmittelbarkeit, die individuelles und gesellschaftliches Leben ordnet? Das Gewissen ist ein Ewigkeitsmoment, der im Augenblick wirkt. Das Gewissen ist immer konkret und …
Dorothea: … und es ist die Ordnungskraft der Seelenführung. Es ist der Moment, ein intimer Moment, in dem ich mich unkorrumpierbar anschaue. Sehen und Gesehenwerden; Hören und Gehörtwerden; Ertasten meiner selbst und des anderen. Eindeutige Notwendigkeiten in der Selbsbegegnung und in der Begegnung mit anderen, auch der leiblichen, schon in der Anschauung, denn nichts ist da vergleichbar, alles an der Leibesform ist unvergleichlich einmalig. Diese ethische Dimension liegt in der Selbstbegegnung und in der persönlichen Begegnung mit anderen. Auch die Wirksamkeit des Gewissens lebt von Begegnungsqualitäten, die des Menschen Würde nicht nur achten, sondern wachrufen.
Maike: Das ist das Gegenteil von Buchenwald. Ich sah Isabelle, die uns tröstete. Dort saß sie und ich erinnere ihre Worte weniger als ihren Gestus. Da war viel Wärme, Licht und Weite in dem, was sie war und ich sah Isabelle. Und ich möchte die Suche nach dieser geheimnisvollen Instanz des Gewissens fortführen. Die Instanz der Menschlichkeit.
Isabelle: Du, Philipp, sprachst einmal von Biegsamkeit. Dieser Begriff ist mir hilfreich – für Buchenwald. Er schafft Raum und Freiheit in der Perspektive. Ich habe jetzt ein schönes Bild. Ich liebe die Wandlung von Perspektiven. Es ist befreiend, von einer alten, starren Sichtweise wegzukommen. Und da war der kurze Moment, als ich Dich, Maike, auf der Treppe traf und Du den Gleichklang mit meinen Schritten suchtest, als wir die Treppe hinab gingen. Dann warst Du plötzlich wieder weg. Maike hat sich und mich wach geschüttelt.
Dorothea: Das geschah und das ist das, was Du erlebt hast. Es geschieht immer und immer. Oft bemerken wir es nicht oder nicht genug. Ich kann mich nicht selbst anschauen, aber am anderen erlebe ich mich. Im Gewissensmoment, ja, da schaue ich mich an. Da gehe ich so auf Distanz zu mir und komme mir gleichzeitig so nahe wie sonst nie. Da stehe ich und schaue mich an. Das ist eine einsame Begegnung und doch bin ich gar nicht allein. Dazu muss ich mir nicht fremd sein. Der Blick ist maximal ernst und …
Bodo: … in ihm sieht man, wie das Gewissen eine momentane, präzise Spannung zwischen mir und mir erzeugt, zwischen Gewordensein und Werdenwollen. Und zugleich tritt da das Weiteste ein, was überhaupt möglich scheint. Potentialität, nicht abstrakt, vielmehr als eine Jemand-Erfahrung. Die Cherubine, die Geister der Harmonien, gehen da unmittelbar in die Seraphine, die Geister der Liebe, über. Im Gewissen spannt sich ein Horizont zwischen ihnen auf. Überraschend, das hat mit diesem Blick zu tun, Dorothea, diesem ernst-heiteren.
Dorothea: Ja, da verändert sich die Wahrnehmungsfähigkeit, Wesen werden bemerkbar, zuerst ja nur subtil. Gut, dass die Tradition und auch andere sie kennen. Im Blick erscheint das, in der Qualität des Blickes. So als spiegelten sich in diesem Blick die in der Gewissenssphäre wahrnehmbar werdenden Wesen.
Gilda: Die Geister der Liebe? Ihre Liebesfähigkeit baut meinen Körper? Maike und ich realisierten, dass das Ich realisiert, als wir einmal in Witten miteinander sprachen. Da stülpt sich der Horizont um. Plötzlich stehe ich mittendrin. Mein Gefühl ist: Ich werde der Raum. Insofern sind Ich und Leib eine Umstülpung?
Bodo: Du hast einmal gesagt, dass wir ein Gespräch suchen, in dem sich die Wahrnehmungsfähigkeit steigert. Die Wahrnehmungsfähigkeit für das Ich als einem mitmenschlichen Wesen könne sich im Miteinander-Sprechen steigern. Können wir bescheiden fortsetzen, was Idealismus und Romantik begonnen haben, indem wir das Gespräch verstetigen? Weiter miteinander sprechen? Schreiben, was und wie wir miteinander sprechen?
Gilda: Und ich werde das, was wir hier jetzt gesprochen haben, in einem Jahr nicht mehr fühlen – wenn ich es lesen kann, was wir gesprochen haben, werde ich anders fühlen – wie sieht der umgestülpte Horizont aus?
Philipp: Die Welt ist geordnet nach Schwere und Leichte, nach Verdichtung und Auflösung, nach Ruhe und Bewegung. Das jeweils Erste bildet das Zentrum, den Planeten, und schafft unser Unten: Schwere, Verdichtung und Ruhe sind hier eins. Um aufsteigen zu können, braucht es Leichte, Auflösung und Bewegung. Der Horizont ist die Trennlinie von Oben und Unten. – Da nun hier aber, im Gespräch, das Schwere leicht wird, die Verdichtung öffnet und die Ruhe bewegt, verwandelt sich diese Trennlinie, sie richtet sich auf und die äußeren Gesetze werden aufgehoben. Hier ist das Gewissen zuhause.
Gilda: Was Du sagst, ist riesig. Und es ist das Ästhetische, weil es mich als Ich nicht ausschließt. Das ist der göttliche Mensch. Habe ich richtig verstanden, wenn das horizontale Prinzip kippt, kippt auch die Mitte? Die Mitte, die Dynamik wird etwas ganz anderes?
Maike: Heißt das wollendes Denken und denkendes Wollen? Ist das der mittlere Zustand, von dem Du sprichst?
Philipp: Wenn wir über die Schwelle gehen, wird alles zu Wesen, die geronnene, die vorgestellte Welt erwacht in Selbsttätigkeit. Meine innere Aktivität, Schwung, Geschwindigkeit sind die Voraussetzung, diese tätige Welt zu erleben, Dich tatsächlich sehen zu können. Die Schwelle ist der Übergang von Etwas zu Jemand. Umgekehrt, wenn Jemand zu Etwas wird und wir danach die Welt einrichten, sind wir in Buchenwald. – Es wird darauf ankommen, dass Etwas zu Jemand werden kann.
Liebe …, obwohl es kaum möglich scheint, etwas aus unseren Gesprächen der letzten Zeit zusammenzufassen, ohne dass die Lebendigkeit verloren geht, die dem Ganzen Sinn gab, will ich es versuchen. Vielleicht können wir dann leichter anknüpfen. Es fing damit an, dass wir uns darüber wunderten, warum uns heute im zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Leben vor allem das wirklich tragfähig erscheint, was auf Unsicherheit baut. Von da aus machten wir manche Abstecher, wie sie eben nur im Gespräch möglich sind. Nicht gestört von zu viel Absicht zeichnete sich im Hintergrund das Rätsel des gegenwärtig ersehnten Bewusstseinswandels deutlicher ab. Sicherlich haben wir damit nichts gelöst, dass wir uns im Raum ästhetischer Erfahrungen bewegten, aber wer fertige Lösungen für dieses Rätsel bereit hätte, würde uns wohl nicht mehr so sehr interessieren. Denn mit der ästhetischen Erfahrung ist es wohl so wie für Lessing mit der Wahrheit oder für Ibsen mit der Freiheit, deren Besitz sie so wenig interessierte wie sie das Ringen darum liebten. Und: vielleicht vermittelt ja gerade dieses Ringen um wirkliche ästhetische Erfahrung – eine Erfahrung also, die gleichermaßen geistig-sinnlich, innerlich und äußerlich ist – einen Zugang zu dem Bewusstsein, das in einem freundschaftlichen, nicht in einem feindlichen Verhältnis zum Lebendigen steht. Ja, dieses Bewusstsein, nach dem immer mehr Menschen suchen, die für die Welt und ihren Zustand wach sind oder daran leiden, was wir tun.
Wir gingen jedenfalls von Beobachtungen aus, wie Menschen und ihr Handeln eigentlich nie vorhersehbar sind. Wir erzählten uns gleich mehrere Beispiele, die zeigen, dass man einen Menschen recht gut kennen kann, deshalb ein bestimmtes Verhalten voraussetzt und dann handelt er doch ganz anders. Wir meinten nicht Willkür oder Unzuverlässigkeit – obwohl: auch da muss man ziemlich gut hinhören. Unzuverlässigkeit bezieht sich ja meistens auf Verabredungen, die von einer Seite ohne nachvollziehbaren Grund einfach nicht eingehalten werden, oder auf Aussagen, die sich als nicht stichhaltig erweisen. Mit Unberechenbarkeit dagegen meinten wir die Tatsache, dass im menschlichen Handeln, im Urteilen und Denken immer etwas über das hinaus möglich ist, was in der Sache liegt, was Erfahrungen, Konventionen oder Erwartungen verlangen. Das Über-Sich-Hinausgehen-Können eines jeden Menschen in großen und schwierigen oder in kleinen und alltäglichen Situationen erschien uns als etwas, was den Menschen im Gegensatz zu anderen Wesen als souverän und schöpferisch auszeichnet, was seine Würde ausmacht. Einmal darauf aufmerksam geworden, fiel uns mehr und mehr auf, wie gerne Menschen, oft ganz unspektakulär, über sich hinausgehen. Und wie schön sie sind, wenn sie etwas tun, ohne es zu müssen! Außerdem wirkt es ansteckend: Wer sieht, wie jemand unkonventionell und doch sinnvoll denkt, über das Leben mit seinen abertausenden Merkwürdigkeiten staunt und sich freut oder mehr tut, als erwartet wurde, wird selbst zum Überschreiten von Grenzen inspiriert, wird einfach lebendiger. Kurz streiften wir die Veränderung, die dadurch im gesellschaftlichen Leben und in Institutionen ausgelöst werden kann, sprachen über das soziale Klima, das aus einem Über-Sich-Hinausgehen von Einzelnen entsteht: Es ist kein Klima der Macht und der Abrechnung, sondern eines des Vertrauens und der Inspiration; nicht Position, Kompetenzabgrenzung und Rechenschaft stehen da im Vordergrund, aber Initiative, Absprache und wechselseitiges Interesse. Es ist einfach ein ganz anderer Lebensmodus, ob ich Berechenbarkeit verlange oder mich auf Unberechenbarkeit einzulassen vermag – im persönlichen oder gemeinschaftlichen wie im institutionellen und gesellschaftlichen Leben. Aber dieser andere Lebensmodus ist, wie sein Ursprung, nicht beherrschbar und bleibt unverfügbar. Außerdem ist er – und das macht ihn für viele unattraktiv – immer mit Unsicherheit verbunden. Vor dieser Unsicherheit, vor dem Nicht-Vorher-Wissen-Können, besteht ja eine ganz natürliche Scheu, oft sogar Angst. Paradoxerweise muss eine Sicherheit bereits vorhanden sein, ehe man sich auf das Wagnis des Lebendigen, auf das Risiko des Offenen einlassen kann. Deshalb ist es so unsinnig und aussichtslos, Interesse am Anderen, freie Absprache und Initiative zu predigen, denn sie setzen eine Vertrautheit mit dem Lebendigen selbst voraus. Die dazu nötige innere Sicherheit, das dazu nötige Vertrauen und Selbstvertrauen stellen sich mit Ausnahme von glücklichen Naturen nicht unbedingt von alleine ein. Es nützt dagegen viel, im gemeinsamen Anschauen und im miteinander Sprechen aufmerksam zu werden auf Verlaufslinien des Lebens; durch das Erzählen von einigen der unzähligen kleinen Alltagswundern, durch das Bemerken von zarten Veränderungen einer Stimme oder einer Geste, durch das Staunen über die Unterschiedlichkeit von Menschen oder Landschaften. Dadurch bildet sich Vertrauen gegenüber den Unwägbarkeiten des Lebens und das Leben selbst verändert sich merklich.
Später sprachen wir auch noch von Übungen, die eine solche innere Vertrauensgrundlage verstärken. Am brauchbarsten schien uns das tägliche Zurückschauen auf den Tageslauf mit einer besonderen Aufmerksamkeit für die Übergänge zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit bei den vielen Ereignissen, die schließlich einen Tag ausmachen. Überhaupt eine faszinierende Landschaft für den an Unsicherheiten und Sicherheiten interessierten Blick, diese Momente, an denen sich Wirklichkeit behutsam oder auch ziemlich abrupt aus dem Meer der Möglichkeiten hebt. Wie viele Möglichkeiten es immer gibt, wie manche näher, andere ferner liegen und wie wenige von ihnen nur Wirklichkeit werden! Wie leicht hätte auch eine andere Möglichkeit Wirklichkeit werden können, als die, die es wurde?! Eine Minute früher neulich an dieser Kreuzung, und Du wärest in den Unfall verwickelt gewesen, der dann den ewig langen Stau verursachte, durch den Dein Tag ziemlich anders verlief als geplant. Wie schmal der Grat ist zwischen dem, was sein könnte und dem, was tatsächlich wird! Auf diesem Grat aber lebt das Ich in seinen großen und kleinen Lebensentscheidungen, in den wenigen wachen, den vielen halbwachen und den meisten völlig unbewusst getroffenen, die mehr irgendwie geschehen, als dass wir sie bestimmten. Gratwanderungen der Wirklichkeitsentstehung, bei denen man Zeuge des Werdens von Landschaften wird, der eigenen und fremder Lebenslandschaften. Und diese Zeugenschaft verdichtet das Vertrauen, dass das, was auf mich zukommt, nicht ohne Zusammenhang mit mir ist. Ja, es gibt zwar immer viele Möglichkeiten und komischerweise werden sie immer zahlreicher, je mehr ich darauf achte, aber doch nicht zahllose, sondern nur genau die, die zu mir gehören. Diese Zeugenschaft des Werdens setzt Mut und Freude frei, hinzuschauen und Entscheidungen wacher zu treffen – allein schon aus Interesse daran, wie anders ich mit einer Wirklichkeit verbunden bin, die aus solchen Entscheidungen entsteht, als mit jener, bei der dunkel und unbekannt bleibt, wer da was entschieden hat.
An dieser Stelle etwa fragten wir uns, was denn in diesem Licht eigentlich Schicksal sei, dieser geläufige und oft mystifizierte oder belächelte Begriff für das, was wir in unserem Gespräch Lebenslandschaften nannten. Es lag auf der Hand, dass wir unmittelbar und in jedem Augenblick an dem Zustandekommen von Schicksal beteiligt sind und jederzeit daran in erheblichem Maße durch unsere Entscheidungen mitgestalten können. Vor allem durch diese Entscheidungen an den Grenzen zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit. Wir fragten uns, wie anders wir unser Leben empfinden würden, wenn wir ernst damit machten, nicht in dem bereits Bestimmten, also in dem, was irgendwie mit uns und um uns geschehen ist und geschieht das Wesentliche des menschlichen Schicksals zu sehen, sondern vielmehr in dem Unbestimmten, in dem noch Bestimmbaren? Wir traten in ein Verständnis von Schicksal ein, das nicht in erster Linie fragt, was wir geworden sind, was als Gegebenes und Notwendigkeiten unser Leben bestimmt, sondern das beachtet, was wir werden können, indem wir wacher teilnehmen an unserem Leben oder indem wir über uns hinaus gehen. Weniger die Bestimmtheit, als vielmehr die Bestimmbarkeit des Lebens sahen wir als Schicksal, das ich vor allem in den Augenblicken mitgestalte, in denen ich über mich hinaus gehe und mich jenseits des Bedingten zu sehen beginne. ‹Du liegst hinaus über Dich, über Dich hinaus liegt Dein Schicksal›, sagt Paul Celan, den wir oft lasen. Über mich hinaus ist also etwas, ist nicht nichts. Was oder wer ist das? Es ist aber doch noch nicht bestimmt und erfährt erst durch mein Tun, durch meine Entscheidung seine Bestimmung. Wer bestimmt denn meine Entscheidung? Wer bestimmt mein Tun, wenn es sich nicht allein aus der Vergangenheit bestimmen lässt? Die Zukunft? Meine Zukunft? Ich aus der Zukunft? Wäre Zukunft hier ein anderer Begriff für Freiheit, für eine Freiheit, die identisch mit meinem Schicksal wäre, also mit meinem Ich, das über sich hinaus liegt? Hier fühlten wir uns an einer Schwelle, die das Verstehen nicht so leicht überspringen kann. Wir fühlten uns unsicher. Eine neue Unsicherheit. Wenn man da etwas verweilen will, muss man es wohl wirklich wollen. Von alleine bliebe man nicht unbedingt länger als nötig in dieser Schwellenspannung. Aber ohne sich hier etwas aufzuhalten, lernt man nicht wie es ist, Schwellenluft zu atmen, diese Luft, die da weht, wo das gewohnte Erkennen und Verstehen an eine Grenze stößt – dieses gewohnte Bewusstsein, das doch heute ziemlich genau von sich weiß, dass es wirkliches Leben nicht wirklich versteht. Eines jedenfalls war uns klar: Dieses Zukunftsschicksal ist, genauso wie das aus der Vergangenheit bestimmende, kein vages, kein irgendwie zustande kommendes. Ein Bauen auf dieses Schicksal hieße auf ein Offenes bauen. Ein solcher Bau, ein solcher menschlicher oder gesellschaftlicher Kontext hätte eine ganz andere Anmutung und sehr andere Möglichkeiten, als der bürgerliche, der auf das Vergangene oder Geplante, auf das Sichere und Bekannte baut. Welche anderen Möglichkeiten dann auftauchen, das haben wir nicht weiter angesprochen und das lässt sich vielleicht auch gar nicht prospektiv besprechen.
Aus diesen Zusammenhängen und Erfahrungen etwa entstand jedenfalls unsere Vermutung, dass vor allem tragfähig ist, was auf Unsicherheit baut. Es geht eigentlich um eine Umkehrung des totalitären Menschen- und Weltbildes. Es baut auf der Grundlage von ‹Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser› große und kleine Gefängnisse, die in Staaten, Fabriken, Schulen und Krankenhäusern, in Freundschaften, Familien und Partnerschaften das Menschliche verunmöglichen, die das im Unberechenbaren über uns hinaus liegende Schöpferische ausschließen. Es braucht offensichtlich immer den Einzelnen und seine persönliche Entscheidung, um aus dem Gegenteil, aus ‹Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser› der menschlichen Würde Platz zu schaffen. In der Zivilgesellschaft formte sich diese individuelle Entscheidungskraft, die sich mit anderen verbindet, zu einer neuen, global wirksamen gesellschaftlichen Stimme, die aus Initiativkraft, Verantwortlichkeit und der Fähigkeit zur Selbstführung des Menschen entsteht. Offen ließen wir zunächst einige dabei auftauchende Fragen wie beispielsweise: Warum diese vielversprechenden gesellschaftlichen Entwicklungen gerade im 20. Jahrhundert einsetzten, in einem Jahrhundert, das so verheerende Totalitarismen kannte wie kein vorheriges; warum die Kraft unverwechselbarer individueller Entschiedenheit gerade und besonders in der anonymen Massengesellschaft wirksam werden kann; oder warum heute die Entwicklung von Informations-Technologien und künstlicher Intelligenz, die zu recht als modernere Form totalitärer Herrschaftssysteme gesehen werden können, einen so offenen und freien Zugang zu Wissen und Information ermöglichen, wie man es sich vor wenigen Jahrzehnten noch nicht einmal hätte wünschen können? Ob die Widersprüchlichkeit oder Gegenläufigkeit zum Phänomen gehört? Ob die Entwicklung der Freiheitsfähigkeit immer die gegenteilige Möglichkeit als Wirklichkeit braucht?
Als wir bei einer anderen Gelegenheit miteinander sprachen, versuchten wir etwas genauer zu sehen, wie es um die zu allen Zeiten so fragile Würde des Menschen bestellt ist und wie sie immer mehr mit der Freiheitsfrage zusammenhängt. Dabei entdeckten wir eine ziemlich ungewöhnliche Art, die menschliche Würde zu verstehen. Und wieder - wie so oft in unseren Gesprächen - kam dem Einzelnen und seiner Selbstbestimmung durch das, was und wie er denkt, eine so wichtige Rolle zu. Ich glaube, der Gang unserer Entdeckung entwickelte sich in unserem Gespräch etwa so: Die Würde ist jedem Menschen nur zum Teil, ja zu ihrem geringsten Teil als unveräußerliches Gut gegeben. Lediglich als Möglichkeit, als Anlage, findet er sie vor. Und wie er sie vorfindet, das ist recht unabhängig davon, ob die persönlichen oder kollektiven Verhältnisse sie mit Füßen treten oder sie respektieren, denn jeder einzelne Mensch kann ihre Wirklichkeit nur ganz persönlich hervorbringen. Das wurde uns besonders daran deutlich, dass einzelne Menschen in ganz unwürdigen Verhältnissen eine unglaubliche Würde entfalten können. Nicht in erster Linie bestimmt von den umgebenden Verhältnissen, verkümmert sie aber sofort ohne den individuellen Einsatz. Ihr größter und gefährlichster Feind schien uns schlicht und einfach die Untätigkeit zu sein. Ihre volle Wirklichkeit hervorbringen hieße also genauer: ihre Wirksamkeit aktiv entfalten. Die menschliche Würde wäre also eine individuell zu entfaltende Wirksamkeit? Hier glaubten wir ein wichtiges Merkmal der Würde im Hinblick auf ihren Zusammenhang mit dem schöpferischen Wesen des Menschen entdeckt zu haben. Die menschliche Würde erschien uns auf einmal nicht mehr nur als Ausdruck der Geistesfreiheit, die aus der Beherrschung der Triebe durch moralische Kraft entsteht, wie die Idealisten und Klassiker es schildern. Wir sahen sie vielmehr zunehmend als selbst ganz souverän tätig; nicht als hervorgebracht, sondern als hervorbringend. Menschliche Würde als Schöpferin, nicht als Geschöpf! Wir ahnten nur, wie viel davon abhängt, ob man die menschliche Würde als Ergebnis oder als tätigen Quell begreift. Und es sind offensichtlich verschiedenartige Bewusstseinsformen, die zu dieser oder jener Auffassung von menschlicher Würde gelangen. Welche Tätigkeit, fragten wir uns natürlich gleich weiter, wäre denn die ihr eigene, an der man sie am besten erkennt? Auf einigen Umwegen, die ich nicht mehr genau erinnere, kamen wir bald zu der Anschauung, dass die Menschenwürde immer mit der Schaffung von Gleichgewichten, von Proportionen oder Verhältnissen zu tun hat. Sie vermittelt zwischen Gegensätzen, verbindet Widersprüchliches – nicht im Sinne eines Kompromisses, sondern im Sinne einer Durchdringung, im Sinne einer Wechselseitigkeit oder Bezugnahme. Sobald sich eines auf ein anderes bezieht, ist ein Verhältnis entstanden, herrscht Proportionalität, geht es um Gleichgewichte. Darin glaubten wir, ihre eigentliche Tätigkeit zu erkennen.
Am Beispiel der Freiheit machten wir uns die Sache dann klarer. Wir differenzierten dabei drei Arten von Freiheit. Die einfachste Freiheit, die sich, wenn alles gut geht, in der Pubertät von alleine regt und dann das ganze Leben hindurch mehr oder weniger aktiv bleibt, ist eine, die sich absetzt. Sie unterscheidet und emanzipiert, sie weist ab und isoliert. Sie ist Befreiung von etwas, was nicht oder nicht mehr zu einem gehören soll. Sie sagt nein. Sie kann zur revolutionären Kraft werden und alte Gegebenheiten beseitigen. Sie ist kritisch, kämpft gerne. Sie führt mich zu mir als eigenständiges Selbst, das der Welt frei gegenübertreten will. Eine jugendliche, wunderbare Energie. Dann, ganz anders, die Freiheit der Hin- oder Zuwendung, der Anteilnahme. Sie interessiert sich für das Gegenüber, sie befähigt, sich einer Aufgabe, einem Vorgang oder Wesen zuzuwenden, sich für jemanden oder für etwas einzusetzen. Wir nannten sie die Freiheit der Verbindung, des Sich-Einlassens, die empathische oder partizipatorische Freiheit. Sie kümmert sich nicht so sehr um das Ich, als vielmehr um das Du. Frei sein für etwas, frei sein, ja zu sagen, die Folgen zu akzeptieren und damit auch immer das Unvollkommene an- und aufzunehmen. Sie schafft Zusammenhänge, Kraft der Kohäsion wohnt in ihr. So klar und entschieden die erste ist, so wirkt die zweite nicht minder entschieden, aber ungleich milder und langmütiger, sie stürmt nicht, hat aber langen Atem. Sie fühlt und verbindet, wo die erste analysiert und trennt. Ja, manchmal, später im Leben, heilt sie vielleicht die Wunden, die die erste schlägt. Und die partizipatorische oder positive Freiheit bildet die Voraussetzung zu einer dritten Art der Freiheit, die wohl die reifste und unauffälligste ist. Still wirkt sie ganz in allem, womit wir wirklich verbunden sind. Sie lässt uns beispielsweise die Widersprüchlichkeiten in allem nicht von außen, sondern so von innen sehen, dass wir realisieren, wie wir selbst diese Widersprüche sind. Sie distanziert sich oder trennt ebenso wenig, wie sie teilnimmt oder verbindet, denn sie ist identisch mit dem, wo heraus sie entsteht und worauf sie sich bezieht. Sie setzt uns weder von etwas noch für etwas frei, sie lässt uns vielmehr aus einem Zusammenhang handeln und leben – überhaupt ist sie ganz Tat, weiß am wenigsten, lebt und wirkt am stärksten. Eine Freiheit, die identisch mit mir und meinem Schicksal ist? In jedem Fall handelt es sich um die Freiheit, die nicht auf mich selbst bezogen ist, nicht auf einen anderen, sondern mit einem größeren Ganzen, mit einer ‹Ordnung› zu tun hat; eine Freiheit, die ich weder nehmen noch geben, aber empfangen kann.
Diese Freiheiten sahen wir als Beispiel dafür, wie die menschliche Würde wirkt, denn würdige oder unwürdige Verhältnisse bestimmen das Leben zwischen Mensch und Mensch sowie zwischen Mensch und Welt nach Art und Maßgabe der jeweils vorhandenen Freiheit. Die menschliche Würde schafft mittels der Freiheit, so wollten wir es einmal anschauen, Unterscheidungen, Durchdringungen und Ordnungen in der vom Menschen bestimmten Welt – ganz so, wie wir eine bereits geschaffene Welt vorfinden, in der sich Himmel und Erde mit all ihren Lebewesen unterscheiden, sich durchdringen und eine große Ordnung bilden, die den Inbegriff der Schönheit ausmacht. Könnte auch die Schönheit oder Hässlichkeit der Natur- und Sozialverhältnisse einer immer mehr von Menschen gemachten Welt zum Indikator für ihre Würde werden? Wie würdig ist die Welt, die wir hervorbringen? Wie schön ist die Welt, die wir schaffen? So lautet dann die entscheidende Frage, gleichsam als Nachfolgerinnen der bis heute ja alles beherrschenden nach Funktion und Effizienz, nach Selbstverwirklichung, Profit und Fortschritt in der Dienstbarmachung der Welt. Die Antwort auf die Frage nach der Schönheit der von uns gemachten Welt ist an erster Stelle in der Art der Freiheit zu finden, die wir in ihr erleben. Die Art und Weise, wie wir welche Freiheit empfinden, ist vermutlich eine ziemlich komplexe ästhetische Erfahrung. Habe ich Dich recht verstanden, dass Du meinst, diese Erfahrung tauche erst in einem Bewusstsein auf, das weniger dinglich-selbstbezogen, aber vielmehr qualitativ-wahrnehmungsorientiert ist, also in einem ästhetischen Bewusstsein? Ist es also vor allem die ästhetische Erfahrung, die uns Auskunft über den wirklichen Zustand einer menschengemachten Welt geben kann? Dann wäre es ja mehr als naheliegend, dass eine Welt, die aus einem ästhetischen Bewusstsein gestaltet ist, anders aussehen wird als unsere heutige!
Liebe …, vielleicht ist es etwas lang geworden, aber ich wollte gerne einige Motive notieren, die in unseren letzten Gesprächen vorkamen, denn sie skizzieren wenigstens versuchsweise ein Bewusstsein, das versöhnlich und nicht verletzend zum Lebendigen steht. Jetzt und in der kommenden Zeit wird sicherlich einiges für den unglücklichen sozialen und ökologischen Weltzustand davon abhängen, ob und wo ein ästhetisches Bewusstsein aufkommen kann.
In Freude auf die Fortsetzung unseres Gesprächs, Dein …
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